Ordnungspolitik im Handelsblatt: Schonungslose Analyse

Ordnungspolitik im Handelsblatt
Schonungslose Analyse

Nicht immer ist der einfühlsamste Arzt zugleich der beste. Bei bestimmten Leiden ist es dem Patienten zuträglicher, wenn er mit der ungeschminkten Wahrheit konfrontiert wird. Das kann Kräfte freisetzen und die Genesung fördern. Und was für die einzelnen gilt, gilt auch für Völker. Auch sie bedürfen gelegentlich einer Schocktherapie, um aus einem verhängnisvollen Trott gerissen zu werden. Bei uns Deutschen ist es so weit.

Zu lange haben wir unsere Lage beschönigt und verniedlicht. Die Dinge nur nicht beim Namen nennen. Das könnte uns erschrecken. Nur keinen überfordern. Jeden mitnehmen. Den Menschen Hoffnungen machen, auch da, wo keine sind. Visionen verkünden, die die Zukunft leuchten lassen. Das Unvermeidliche so vermitteln, dass sich niemand betroffen fühlt. Alles kuschelweich spülen. Das waren und sind die Maximen politischen Handelns.

Vor lauter Verpackung sind die Inhalte aus dem Blick geraten. Die Politik fragt nicht, was muss geschehen, sondern, was ist den Wählern zuzumuten. Viel ist das nicht. Denn die Empfindlichkeiten der Bevölkerung sind groß. Überall meint sie, den Windhauch sozialer Kälte zu spüren, soziale Gerechtigkeit anmahnen zu müssen. Sie glaubt Rechte zu haben (gegen wen eigentlich?), die sie zäh verteidigt. Ein wenig länger arbeiten? Schon versammeln sich Lehrer und Polizisten zu Protestaktionen. Bescheidene Mittelkürzungen? Schon marschieren Schüler und Studenten durch die Straßen.

Die Wahrheit ist, dass wir allen diesen Empfindlichkeiten nicht länger frönen können. Der schmucke Flussdampfer, auf dem sich viele noch auf sonntäglicher Kaffeefahrt wähnen, treibt nämlich längst auf stürmischer See. Die Wahrheit ist, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Grundlage der vielen Annehmlichkeiten, die wir so lieb gewonnen haben, verfällt. "Die Wahrheit ist, dass wir", wie der Vizekanzler dieser Republik, Joschka Fischer, unlängst bemerkenswert offen bekannte, "Leistungen zurücknehmen müssen."

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