Ordnungspolitik im Handelsblatt
Schrumpfen statt wachsen

"Die fetten Jahre sind vorbei" lautet der Titel des neuen Films von Hans Weingartner, der in diesen Tagen in die Kinos kommt. Eine geradezu programmatische Zustandsbeschreibung: Während Regierung und Opposition noch über Zehntelwachstumsprozente für das kommende Jahr streiten, erscheint das langfristige Schrumpfen der deutschen Wirtschaft unvermeidlich.

In den nächsten 25 Jahren wird die Zahl der Erwerbstätigen um rund 40 Prozent abnehmen, die Zahl der Einwohner - je nach Zuwanderung - um mindestens 20, vielleicht aber sogar um bis zu 30 Millionen schrumpfen. Die Auswirkungen auf die Rentenversicherung werden exakt berechnet - die viel dramatischeren Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum, den Garanten für Wohlstand und politische Stabilität, dagegen nicht.

Nun gibt es kein Grundgesetz, wonach in Deutschland mindestens 80 Millionen Menschen leben müssen. Und Wachstum kommt von beschäftigten Arbeitnehmern, nicht von Arbeitslosen. So rechnet z.B. der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert W. Fogel vor, dass allein der technische Fortschritt die Wirtschaftsleistung pro Arbeitskraft in den nächsten 50 Jahren um 70 oder sogar 80 Prozent anhebt. Die gute Nachricht damit ist, dass auch bei schrumpfender und alternder Bevölkerung der Wohlstand pro Kopf sogar noch zunehmen kann.

Auch der Wachstumsvorsprung der USA relativiert sich: Die Bevölkerung der USA wächst voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten um ein halbes Prozent - wegen der Einwanderung aus Mexiko und wegen einer Geburtenrate, die auch bei den weißen Amerikanerinnen um rund 50 Prozent über jener der Frauen in Deutschland liegt. Das hohe Wachstumstempo der US-Wirtschaft reicht folglich gerade dazu aus, dass dort das Pro-Kopf-Einkommen ähnlich schnell wächst wie in Europa und Deutschland.

Aber die schlechte Nachricht für Deutschland ist: Die künftige Schrumpfungsrate von rund einem Prozent der Bevölkerung bremst und blockiert das Wachstum. Die Wachstumsschwäche des kommenden Jahres mit einem mageren Plus von voraussichtlich 1,4 Prozent ist dann nicht nur ein erneuter Ausrutscher einer reformunfähigen Wirtschaftsverfassung, sondern künftig das Maximum des Möglichen.

Nach sechs Jahrzehnten Dauerwachstum sind Wirtschaftsverfassung, Sozialsysteme und Denken auf diese ganz anderen Grenzen des Wachstums nicht vorbereitet. Die Konsequenzen lassen sich in den neuen Bundesländer studieren, wo der Wegzug der Mobilen vorwegnimmt, was auch im Westen wegen des demographisch bedingten Rückgangs der Bevölkerung bald Normalität sein wird: Abriss statt Neubau. Leipzig hängt dem programmatisch das beschönigende Mäntelchen von der "perforierten Stadt" um: Was leer steht, wird abgerissen - mit der Folge, dass bislang geschlossene Straßenzeilen neuerdings das bedrohliche Grinsen von Zahnlücken zeigen.

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