Ordnungspolitik im Handelsblatt
Verdi-Staat Deutschland

Wen es in diesen Wochen auf eine Mitgliederversammlung der Gewerkschaft Verdi verschlägt, der fühlt sich wie auf einem Teach-in der späten sechziger Jahre: Man hört verwundert das gleiche Vokabular und die gleiche Rhetorik wie damals, es fehlt nur der Aufruf: "Auf zum letzten Gefecht!"

Frenetischer Applaus brandet auf, wenn einer der Teilnehmer sein SPD-Parteibuch zurückgibt. Da wabert ein Moderhauch durch den Saal, fast kann man den uralten Kampfruf hören: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!"

Wenn auf den Verdi-Versammlungen die Emotionen besonders hochkochen, hat das einen einfachen Grund: Geschickte Funktionäre stellen die geplanten Sozialreformen der Regierung Schröder als Generalangriff auf die besonders Armen und Beladenen in unserer Gesellschaft dar. Die Gewerkschafter reden über weite Strecken so, als wären sie keine Vertreter der Arbeitnehmer, sondern Abgesandte eines Kampfbundes der Rentner und Sozialhilfeempfänger.

In Wahrheit aber geht es ihnen um knallharte Klientelpolitik. Ihr Anliegen ist nicht die Armut, sondern die Verwaltung der Armut - durch die Verdi-Mitglieder.

Schließlich ist der deutsche Sozialstaat keineswegs nur ein Instrument zur Versorgung immer größerer Bevölkerungsgruppen, sondern auch ein vorzüglicher öffentlicher Arbeitgeber. Nach der offiziellen Statistik der Bundesrepublik Deutschland ist die Zahl der staatlichen Sozialarbeiter und Sozialpfleger in Deutschland von 260 585 im Jahre 1996 auf zuletzt 354 867 gestiegen, ein beachtlicher Zuwachs um immerhin 36 %. Selbst wenn man berücksichtigt, dass in diesen Jahren die Zahl der Teilzeitbeschäftigten gestiegen ist, bleibt immer noch eine erhebliche Ausweitung der Beschäftigten in dieser Sparte.

Die freien Wohlfahrtsverbände beschäftigen nach einem Überblick der Gewerkschaften selbst fast 1,2 Millionen Menschen in Deutschland. Dazu zählen auch Beschäftigte in den Krankenhäusern, die bei unserer Betrachtung außen vor bleiben können. Interessant sind Hunderttausende von Angestellten, deren Hauptfunktion in der "Beratung" von Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, Familien und Jugendlichen besteht.

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