Ordnungspolitisch läuft die ganze Rinderwahn-Debatte immer weiter auf einem falschen Gleis
BSE-Ursachen verschwimmen im nationalen Tunnelblick

DÜSSELDORF. Wie Rindfleisch wirklich schmecken muss, wissen die meisten Deutschen gar nicht. Gute Steaks kann man mit einigem Glück in Jackson, in Buenos Aires oder in Kobe essen. Ihr Geschmack hat mit deutschem Normalfleisch so viel gemeinsam wie eine Pfälzer Trockenbeerenauslese mit einer Dose Fanta. Schon lange vor der BSE-Krise wusste jeder Feinschmecker: Deutsches Rindfleisch sollte man besser nicht essen. Auf den Speisekarten der deutschen Spitzenrestaurants war es deshalb schon seit Jahren nicht zu finden.

Um gutes Fleisch zu produzieren, braucht man die richtigen Rinder, üppige Weiden, natürliches Futter und kristallklares Trinkwasser. Davon gibt es in den USA viel und in Deutschland wenig. Stress und Medikamente sind Gift für jeden guten Fleischgeschmack. Danach richten sich japanische Züchter, aber nicht deutsche. Würde Rindfleisch auf dem Weltmarkt frei gehandelt, wären die Grenzen der Europäischen Union (EU) wirklich offen, hätte Deutschland als Anbieter deshalb keine Chance. Amerikanisches Rindfleisch lässt sich einfach viel billiger produzieren, japanisches Rindfleisch schmeckt einfach viel besser.

Der deutsche Nährstand hat es jedoch geschafft, den Verbrauchern das genaue Gegenteil einzureden. Als noch niemand von BSE sprach, hieß es vollmundig: "Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch". Und die Metzger schrieben getreulich ins Schaufenster, welches Rind von welchem Hof stammte. Nur leider erfuhren wir nicht, was dort verfüttert wurde.

Merkwürdigerweise hat die BSE-Krise an diesem engstirnigen Tunnelblick nicht viel geändert: Der Rinderwahn gilt vielen Deutschen immer noch als "britische Krankheit", auf krummen Wegen eingeschleppt aus dem perfiden Albion. Deutsche Ökohöfe statt anonymer Agrarfabriken lautet deshalb der nationale Schlachtruf des Kanzlers. Deutsche Beamte sollen deutsche Verbraucher schützen, damit alles gut wird. Deutsche Gütesiegel müssen her, am besten von der Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft. Alle fordern jetzt mehr staatliche Kontrollen, aber niemand fordert mehr Markt.

Würde Adam Smith heute noch leben, hätte er sicher nichts als Spott übrig für das Allparteiengerede vom "verstärkten Verbraucherschutz". Schon 1776 schrieb der Begründer der Nationalökonomie: Nur der Markt könne den Herrscher "vollständig von einer Pflicht entbinden, bei deren Ausübung er stets unzähligen Täuschungen ausgesetzt sein muss und zu deren Erfüllung keine menschliche Weisheit oder Kenntnis jemals ausreichen könnte, nämlich der Pflicht oder Aufgabe, den Erwerb privater Leute zu überwachen".

Wer den Bürgern heute einredet, der Staat könnte künftig die Zusammensetzung jeder Wurst kontrollieren, sollte eigentlich Hohngelächter ernten. Stattdessen überbieten sich Bund und Länder mit ihren populistischen Sofortprogrammen. Ordnungspolitisch läuft diese ganze Debatte auf einem völlig falschen Gleis. Die notwendigen radikalen Fragen werden bisher nur selten gestellt. BSE ist nicht so sehr das Produkt krimineller Landwirte und schon gar nicht, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder insinuierte, einer anonymen Agrarindustrie. Bauern und Industrie haben sich im wahnsinnigen System der europäischen Agrarpolitik nur rational verhalten. Schuld ist nicht der einzelne Bauer, der seine Rinder mit zermahlenen Leichenteilen ihrer Artgenossen fütterte, sondern eine Agrarpolitik, die dies möglich gemacht hat.

Wenn in der Landwirtschaft die Gesetze der Marktwirtschaft gelten würden und sich eine vernünftige internationale Arbeitsteilung durchgesetzt hätte, wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach nie zu einer BSE-Krise gekommen. Beispiel Futtermittel: Auf argentinischen Weiden kommt niemand auf die Idee, Rinder mit dem Müll aus Tierkörperbeseitigungsanlagen zu füttern. Brüsseler Eurokraten und Bauernlobby haben den Preis der Milch jedoch so hoch getrieben, dass sie nun schlicht zu teuer ist für die deutsche Kälbermast. Stattdessen mussten die Landwirte ein Gebräu verfüttern, das die Bürokraten euphemistisch "Milchaustauscher" nennen, obwohl seine Bestandteile jedem Bürger den Magen umdrehen.

Nach den Gesetzen der Marktwirtschaft hat die Billigfleischherstellung in einem entwickelten Industrieland wie Deutschland keine Existenzberechtigung. Überleben dürfte eigentlich nur Luxusproduktion wie in Japan, wo die Kobe-Rinder mit Bier gepäppelt werden. Dort kostet Rindfleisch allerbester Qualität 30 Mark - nicht etwa pro Kilo, sondern pro 100 Gramm. Ein gutes Geschäft für die Züchter, eine Delikatesse für die Verbraucher.

Kein einziger deutscher Ökohof liefert heute solche Qualität. Warum auch? Wer sich so oder so in der europäischen Agrarordnung eingerichtet hatte, musste weder gutes Rindfleisch produzieren noch billiges.

Das Gerede vom verstärkten Schutz der Verbraucher ist Hohngelächter wert.

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