Organisierter Jubel
Der menschliche Makel

„Zhong guo jia you!“ Was ist echt, was einstudiert am Verhalten des chinesischen Publikums? In dem manischen Drang nach Perfektion sieht Pekings Staatsplan für Olympia selbst organisierten Jubel vor. Dabei jubelt die Bevölkerung schon von ganz allein.

PEKING. Wang Nan leidet. Sie verdreht die Augen und schaut flehend in Richtung Hallendach, als stünde dort die Antwort auf die Frage, was ihr da gerade passiert. Wang Nan hat einen Satz verloren im Vorrundenspiel ihrer Mannschaft gegen Kroatien. Ein Teil des Publikums grummelt, ein anderer feuert die Spielerin an. „Zhong guo jia you“, schallt es wüst hinunter, was übersetzt so viel bedeutet wie: Los jetzt, China!

Es ist der häufigste Schlachtruf dieser Tage, aber er hat seine Nuancen. Die Pekinger brüllten ihn auf dem Tiananmen-Platz, als sie der Erdbebenopfer von Sichuan gedachten. Und Tischtennis ist hier eine ähnlich ernste Angelegenheit.

Seit Mittwoch laufen die Wettbewerbe in Chinas Nationalsport par excellence. Nirgendwo ist der Druck größer, alles andere als ein Durchmarsch der heimischen Starter würde hier als historisches Debakel empfunden werden. Das Land verfügt über so viele Klassespieler, dass rund die Hälfte aller Spieler in den Einzelkonkurrenzen chinesischer Herkunft sind – sie spielen jetzt für Nationen aus aller Welt und kommen an die Besten ihrer Heimat doch nicht heran. Seit 2004 hat China alle 16 ausgespielten WM-Titel gewonnen. Da kann schon ein verlorener Satz für Unruhe sorgen.

Es ist nicht frei von Symbolik, dass das Tischtennis an einem Tag begann, an dem die Spiele wieder ein Stück nervöser geworden sind. Angesichts von Terrorwarnungen und der Ermordung eines amerikanischen Touristen haben die Sicherheitsmaßnahmen längst die Grenze von der Paranoia zur Hysterie überschritten. Vor dem Pressezentrum wachen seit gestern Militärs mit Kampfanzügen und Maschinenpistolen im Anschlag. Und an der Tischtennishalle mussten sich Journalisten selbst im nur ihnen zugänglichen Bereich noch einmal kontrollieren und registrieren lassen.

Die chinesischen Frauen gewinnen ihr Spiel mit 3:0, Wangs Satzverlust ist erwartungsgemäß der einzige geblieben. Schnell leert sich die Halle. Es läuft die erste Runde, und es ist gerade einmal zwölf Uhr mittags, da sind leere Tribünen wahrlich kein Drama – dennoch: die Bilder davon gefallen weder dem IOC noch der chinesischen Regierung. Das macht sich nicht gut im Fernsehen, und den Sponsoren gefällt es auch nicht. Auf deren Intervention hin verlangte das IOC gestern mehr Menschen, pardon: Käufer, auf der olympischen Anlage. Wegen der scharfen Sicherheitsbestimmungen bleiben ihre Hochglanzshops bislang verwaist.

Schon zuvor hatten die Organisatoren begonnen, Busladungen voller Arbeiter, Studenten und Freiwilliger zu den Wettkampfstätten zu karren, an denen sie freie Plätze vermuteten. Wenn die eigentlichen Karteninhaber dann doch kommen – alle Veranstaltungen sind offiziell ausverkauft –, müssen die Olympiatouristen eben wieder nach Hause.

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