"Ostalgiker" kommen in San Francisco auf ihre Kosten
Christiane Schmidt und Isabell Mysyk: Auferstanden aus Ruinen

Mit ostdeutscher Küche, DDR-Interieur und viel Fleiß schufen die beiden Thüringerinnen Christiane Schmidt und Isabell Mysyk in einem heruntergekommen Viertel von San Francisco einen Trendschuppen für junge Amerikaner.

Abgegriffene Resopaltische, schmucklose Mensa-Stühle, 70er-Jahre-Häkeldeckchen und frische Gerbera in bunten Glasvasen - das karge Interieur im Walzwerk könnte glatt aus der DDR stammen. Honecker und Marx prangen an den Wänden des kleinen Restaurants im recht heruntergekommenen Mission-Bezirk von San Francisco. Blickfang ist ein riesiges Werbeposter "Qualität aus der Maxhütte", ein Bild von Jungen Pionieren am Lagerfeuer verbreitet DDR-Romantik, und selbst auf der Toilette kommen "Ostalgiker" auf ihre Kosten. "Amerikaner verbinden mit deutschen Restaurants immer bayerische Küche und plüschig-gemütliches Ambiente", sagt Walzwerk-Chefin Christiane Schmidt. "Wir wollten einfach mal etwas anderes auf die Beine stellen." Nerven haben sie und ihre Mitgründerin Isabell Mysyk schon. Denn Kochkünste zu DDR-Zeiten, das klingt nach fettigen Würstchen, geschmacklosen Soßen und viel, viel Kartoffeln, aber bestimmt nicht nach kulinarischen Genüssen.

Doch mit viel Energie, Enthusiasmus und unerschütterlichem Optimismus hat sich das Walzwerk der beiden Thüringerinnen allen Unkenrufen zum Trotz zu einem trendigen Treff in San Francisco gemausert. "Heute geht's uns gut", zieht Isabell Mysyk nüchtern Bilanz. "Aber wenn wir vor zwei Jahren gewusst hätten, was an Arbeit, Schwierigkeiten und Ausgaben auf uns zukommt, hätten wir es uns vielleicht schon anders überlegt."

Kennengelernt hatten sich die heute 34-Jährigen 1994 in Berlin, wo beide in einem brasilianischen Restaurant bedienten. Während die in Gera aufgewachsene Christiane Schmidt ausgebildete Hotelfachfrau ist und bereits in der DDR als Cocktailmixerin Preise einheimste, hat die Ilmenauerin Isabell Mysyk einen hürdenreicheren Weg hinter sich. 1987 schwamm sie nachts durch die Donau von Rumänien nach Jugoslawien, flüchtete dort in die westdeutsche Botschaft und begann in West-Berlin ein neues Leben. Sie machte ihr Abitur nach und arbeitete nebenher in Restaurants und Kneipen.

Der Sprung nach San Francisco vor fünf Jahren war eigentlich nur für sechs Monate geplant. Beide kellnerten dort in einem eher traditionellen deutschen Restaurant, bis der Gedanke reifte: "Das können wir auch."

Unternehmer-Ausbildung in der Abendschule

Der Heirat mit Amerikanern verdanken die Jungunternehmerinnen in spe ihre "Green Cards", die offizielle Arbeitserlaubnis. Die fehlende Unternehmererfahrung ersetzten sie durch den dreimonatigen Kurs "Wie gründe ich ein Geschäft" an einer Abendschule. Zwei Mal die Woche jeweils vier bis fünf Stunden für insgesamt 300 Dollar.

Am Ende stand das Konzept für das Walzwerk, das damals allerdings noch namenlos war. "Wir haben lange nach einem Begriff gesucht, der industriell und DDR-bezogen ist, keine Umlaute hat und auch von Amerikanern ausgesprochen werden kann", erzählt die Schmidt, während sie in der engen Küche emsig in einem großen Topf rührt. "Schokoladenpudding", sagt sie stolz. "Selbstgemacht, nicht aus der Tüte."

Es fehlten nur noch der Raum und das Geld. Zuerst hatten die beiden mit einem abgewirtschafteten Laden in guter Lage geliebäugelt. "Als wir hörten, was die dafür verlangen, sind wir fast umgekippt, sagt Mysyk. Stattdessen mieteten sie sich ein unauffälliges kleines, ehemals indisches Restaurant, eingeklemmt zwischen Autowerkstätten. "Alle Freunde haben uns anfangs für verrückt erklärt, denn der Laden war total renovierungsbedürftig und lag im Niemandsland hinter dem gerade entstandenen Dotcom-Viertel."

Eigenarbeit war gefragt

In Eigenarbeit brachten sie die Räume auf Vordermann. Statt sechs Wochen dauerte der Umbau vier Monate, während derer sich die beiden mit Babysitten, Putzen und Kellnern über Wasser hielten. "In der Zeit haben wir zehn Kilo abgenommen und sind richtig krank geworden." Dafür sparten sie das Geld für teure Handwerker.

Trotzdem steckten Schmidt und Mysyk selbst sowie Familie und Freunde insgesamt 60 000 Dollar in in ihr Projekt, weil sie keinen Kredit bekommen hatten. "Wir haben uns bei einer Bank vorgestellt, nicht im Kostümchen, sondern so, wie wir eben sind", erzählt Schmidt. Zudem hätten sie ganz ehrlich zugegeben, nicht einmal selber kochen zu wollen beziehungsweise zu können. "Die haben uns schlicht und einfach ausgelacht."

Inzwischen hätten sie sicher gute Karten für ein Darlehen bei der Small Business Administration, einer Behörde, die Kleinunternehmen unterstützt, meint Mysyk. Immerhin hat das Walzwerk schon zwei Jahre überlebt - trotz der Startprobleme. "Sechs Wochen nach der Öffnung hatten wir unser Konto um 90 Dollar überzogen und lebten im Prinzip von Trinkgeldern", erinnert sich Schmidt lachend. "Wir waren total pleite und hätten keine Woche mehr weiter machen können."

Geheim-Tipp für junge Amerikaner

Die Umstellung von Mittags- auf Abendbetrieb und eine positive Kritik in der Lokalzeitung brachte dann ganz plötzlich den Umschwung. Aus den abends in Fülle vorhandenen Parkplätzen - eine Rarität in San Francisco - wurde in Verbindung mit Schnitzel, Krautrouladen, Kartoffelpuffer, Soljanka, Roter Grütze und lauter Techno-Musik ein Geheimtipp primär für junge Amerikaner.

Auch wenn jetzt "der Laden läuft", ist der Betrieb nicht einfach. Anfangs sei die Sprache ein großes Problem gewesen, denn "wir haben Englisch ja nie wirklich gesprochen". Und beim zwei- bis dreiköpfigen Küchenpersonal herrsche nach wie vor große Fluktuation. "Alle, die legal hier sind, haben Ambitionen auf die große Karriere und wollen nicht in einem Restaurant mit 50 Sitzplätzen arbeiten", sagt Schmidt. Bedienung und Buchhaltung übernehmen sie selbst.

Extrem hilfreich sei in der Gründungsphase gewesen, dass die Amerikaner "längst nicht solche Bürokraten sind wie die Deutschen". Da die beiden sich zu spät um eine Lizenz für den Bier- und Wein-Ausschank beworben hatten, hätte sich die Eröffnung fast noch einmal verzögert. "Wir machten dem Beamten klar, dass wir alles, was wir besaßen, in dieses Restaurant investiert hatten", sagt Mysyk. Der drückte dann beide Augen zu, erledigte den Antrag in Rekordzeit und brachte die Genehmigung höchstpersönlich vorbei.

Keine Expansionspläne

Immer wieder sei ihnen in den vergangenen zwei Jahren klar geworden, dass "in den USA eben alles von dir selbst abhängt." Inzwischen können sie sich ein oder zwei Urlaube im Jahr leisten, und genießen die vielen sozialen Kontakte durch das Restaurant - und wollen gar nicht so viel mehr.

"Zum Leben brauchen wir beide nicht viel", meint Isabell Mysyk nachdenklich, während sie in einem braven Blümchenkleid, das in gewolltem Kontrast zu ihrem tätowierten Oberarm steht, die kostenlosen Vorspeisen vorbereitet: knusprige Schwarzbrot-Schnittchen mit Butter, Tomaten und Schnittlauch.

An eine Vergrößerung oder ein zweites Restaurant hätten sie noch nicht gedacht. "So lange uns die Arbeit hier Spaß macht, lassen wir es erst mal so laufen", sagt Mysyk zufrieden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%