Ostbarometer erstmals seit August 1996 unter zwei Prozent
HB-Frühindikator: Deutschlands Konjunkturschwäche hält an

Die schon seit Monaten schlechte Stimmung im verarbeitenden Gewerbe bestätigt sich inzwischen in sinkenden Auftragseingängen. Von der Binnennachfrage kommt noch keine Entlastung für die flauere Weltkonjunktur. Setzt sich der Rückgang der Handelsblatt-Indikatoren fort, ist ein Wachstum von zwei Prozent im Gesamtjahr fraglich.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Frühindikator für Westdeutschland setzte auch im Juni seinen seit sieben Monaten anhaltenden Abwärtskurs fort. Mit 2 % nach jeweils 2,1 % in den beiden Vormonaten hielt sich der Rückgang zwar weiterhin in Grenzen. Es sind aber derzeit kaum Anzeichen für eine Wende zum Besseren erkennbar. Drei der fünf Einzelwerte haben sich zuletzt verschlechtert. Die Abwärtsbewegung hat inzwischen auch das verarbeitende Gewerbe voll erfasst.

Das Handelsblatt-Konjunkturbarometer für die neuen Länder gab im Juni von 2,3 % auf 1,9 % nach und unterschreitet damit erstmals seit August 1996 wieder die Marke von 2 %. Nach dem unerwartet niedrigen Wachstum des gesamtdeutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Quartal erscheint es inzwischen sehr fraglich, ob im Gesamtjahr 2001 noch eine Rate von 2 % zu erreichen sein wird.

Frühindikator West: >>Tabellen und Grafik

Nach ohnehin schon relativ schwachem Jahresbeginn haben die Auftragseingänge des verarbeitenden Gewerbes im März nochmals deutlich nachgegeben. Mit einem saisonbereinigten Minus von 2,6 % im Westen und 6,3 % im Osten gegenüber dem Vormonat bestätigten sich die schon seit längerem eingetrübten Zukunftserwartungen der Unternehmen. Hauptgrund für den aktuellen Nachfrageeinbruch war die um 5,3 % nachgebende Auslandsnachfrage, die sich quer durch alle Hauptgruppen des verarbeitenden Gewerbes hindurchzog. Aber auch aus dem Inland kam mit Ausnahme der Investitionsgüternachfrage keine Entlastung; die Inlandsaufträge gingen vielmehr ebenfalls um 1,1 % zurück.

Wenig Hoffnung auf baldige Besserung

Damit hat es im ersten Vierteljahr insgesamt erstmals seit Ende 1998 wieder einen quartalsmäßigen Rückgang der Nachfrage im gesamtdeutschen verarbeitenden Gewerbe gegeben. Das Minus von 2,8 % gegenüber dem Schlussquartal 2000 ging zwar wiederum hauptsächlich auf das Konto der nachlassenden Exportkonjunktur. Aber auch die Inlandsnachfrage konnte die erhoffte Ausgleichsrolle nicht spielen. Sie blieb ebenfalls geringfügig hinter dem Volumen des Vorquartals zurück.

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen und Grafik

Die jüngste Entwicklung des Ifo-Konjunkturtestes im verarbeitenden Gewerbe lässt wenig Hoffnung auf baldige Besserung aufkommen. Der Saldo des Geschäftsklimas verschlechterte sich im April ein weiteres Mal, von-0,9 auf-2,8 Punkte im Westen und von 9,3 auf nur noch 2,9 Punkte im Osten. Während im Westen zuletzt vor allem die aktuelle Lage schlechter beurteilt wurde, ist es in den neuen Ländern zu einem schlagartigen Einbruch bei den Geschäftserwartungen gekommen. Mit-10 Saldopunkten (nach +0,2 im Mai) werden sie von den Ostunternehmen jetzt fast ebenso trübe eingeschätzt wie im Westen (-11,2 Punkte). Vor allem die Hersteller von Investitionsgütern und Vorprodukten sehen derzeit mit großer Skepsis auf die kommenden sechs Monate, was konjunkturell ein schlechtes Zeichen ist.

Privater Konsum ein Totalausfall

Der private Konsum bleibt als möglicher Ersatzmotor für die lahmende Exportkonjunktur nach wie vor ein Totalausfall. Ganz offensichtlich werden die zu Jahresbeginn in Kraft getretenen Erleichterungen bei der Einkommensteuer von den Konsumenten kaum als solche registriert. Im Vordergrund stehen die steigenden Preise für Nahrungsmittel und Kraftstoffe. Mitverantwortlich für die Zurückhaltung bei den realen Konsumausgaben sind wohl auch die teilweise drastischen Erhöhungen der Kfz-Steuer für Fahrzeuge, die nicht der Euro-2-Abgasnorm entsprechen.

Dementsprechend schwach entwickeln sich weiterhin die Umsätze des Einzelhandels. Trotz eines geringfügigen Anziehens im März haben sie im ersten Quartal nach den saisonbereinigten Zahlen der Bundesbank das ohnehin niedrige Niveau der beiden vorangegangenen Quartale nochmals um 1 % verfehlt. Dabei nahm die Nachfrage nach Kraftfahrzeugen mit-1,4 % überdurchschnittlich stark ab. Auch das Ifo-Geschäftsklima im April lässt weiterhin wenig Optimismus im Einzelhandel erkennen. Während es im Osten mit-26,2 Punkten auf nahezu unverändert frostigem Niveau blieb, hat es sich im Westen nach zwischenzeitlich etwas freundlicheren Werten zuletzt wieder von-14,4 auf-20,8 Saldopunkte deutlich eingetrübt.

Das schon seit langem in der Krise steckende Bauhauptgewerbe konnte sich auch im März nicht aus dem Nachfragetief befreien. Ein wie schon im Vormonat wieder steigendes Auftragsvolumen im Osten (+4,7 %) reichte nicht aus, um den neuerlichen Rückgang im Westen um 2,4 % zu kompensieren. Unter dem Strich lag damit die Nachfrage des gesamtdeutschen Bauhauptgewerbes im ersten Quartal wiederum um fast 3 % niedriger als im Vorquartal. Neben dem ohnehin seit langem schwächelnden Wohnungsbau hat der Auftragsrückgang inzwischen auch den Nichtwohnungsbau sowie den Tiefbau erfasst. Auch der Ifo-Konjunkturtest lässt derzeit noch keine Wende zum Besseren erkennen.

Schwache Bauproduktion sorgte für frühen Einbruch

Die in den Handelsblatt-Frühindikator eingehende Zinsspanne hat sich im April erstmals wieder leicht von 0,1 auf 0,2 Prozentpunkte (jeweils gerundet) erhöht. Während der Dreimonatszins Euribor weiter von 4,71 % auf 4,68 % nachgab, ist die Durchschnittsrendite für festverzinsliche Wertpapiere von 4,8 % auf 4,9 % im angestiegen. Auch im Mai scheint sich diese gegensätzliche Tendenz fortgesetzt zu haben. Konjunkturell ist dies tendenziell ein positives Signal. Allerdings kann das steigende Zinsniveau am langen Ende durchaus auch als Beleg allmählich wieder wachsender Inflationssorgen interpretiert werden.

Das gesamtdeutsche Wirtschaftswachstum hat sich im ersten Quartal - berechnet als gleitende Jahreswachstumsrate - von 3,0 % im Vorquartal auf 2,4 % abgeschwächt. Der seit acht Monaten rückläufige Handelsblatt- Frühindikator hat diese negative Grundtendenz seit langem angezeigt. Er hatte den gravierenden Einbruch allerdings erst für das zweite Quartal mit 2,2 % erwarten lassen. Dass es schon im ersten Quartal dazu kam. hängt u.a. mit der extrem schwachen Bauproduktion zusammen.

Auch für das dritte Quartal deutet die Indikatorprognose von 2,1 % noch nicht darauf hin, dass sich die Wachstumsdynamik wieder belebt. Sollte sich die sinkende Tendenz des Handelsblatt-Frühindikators sowie des Handelsblatt-Ostbarometers in den nächsten Monaten fortsetzen, ist zu befürchten, dass die Zwei-Prozentmarke für das gesamtdeutsche Wirtschaftswachstum im Gesamtjahr 2001 nicht mehr erreicht werden kann.

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