Ostdeutschland versinkt im Wasser
Der Albtraum nimmt kein Ende

Die verheerende Flut im Osten Deutschlands übertrifft die schlimmsten Befürchtungen: Am Freitagabend stieg der Wasserstand der Elbe in Dresden auf die Rekordmarke von 9,29 Metern. Die Zahl der Todesopfer erhöhte sich bundesweit auf 11. Zehntausende flüchteten in den Krisenregionen vor den gigantischen Wassermassen. Eine Entspannung ist nach Ansicht von Meteorologen nicht in Sicht: Einigen Hochwassergebieten drohen heftiger Regen und Gewitter.

HB DRESDEN/HAMBURG. Die ersten Finanzhilfen von Bund und Land für die Kommunen in den Hochwassergebieten liefen an. Neben der ersten Tranche der von Bundeskanzler Gerhard Schröder zugesagten 100 Mill. ? kündigte auch Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) eine zügige Umsetzung des Hilfsprogramms zur Bekämpfung der Hochwasserschäden an.

Bundespräsident Johannes Rau will sich in den Krisenregionen Sachsen und Sachsen-Anhalts am Samstag einen Eindruck über das Ausmaß der Katastrophe verschaffen. Nato-Generalsekretär George Robertson bot Hilfe an. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) forderte für den Wiederaufbau nach der verheerenden Hochwasserkatastrophe eine gesamtstaatliche Regulierung. Auch Bayerns Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) verlangte angesichts des Hochwassers für den Wiederaufbau einen "nationalen Kraftakt".

Hilfskräfte in Dresden geben Semperoper und Zwinger auf

In Dresden erreichten die Fluten am Freitagabend einen Pegelstand von 9,24 Metern. Das war der höchste Stand seit der "sächsischen Sintflut" von 1845. Damals hatte die Elbe einen Pegel von 8,77 Meter. Normalerweise hat die Elbe einen Stand von zwei Metern. Dennoch keimte am Abend Hoffnung: Der Pegelstand stieg nur noch um zwei bis drei Zentimeter stündlich und nicht wie in den Morgenstunden um vier Zentimeter. Das Landesamt für Umwelt und Geologie ging davon aus, dass in der Nacht oder in den frühen Samstagmorgenstunden der Scheitelpunkt in Dresden erreicht ist.

Sieben Stadtteile in Dresden waren am Freitag überflutet. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk gaben den Kampf um die einzigartigen Baudenkmäler Semperoper und Zwinger auf. Auch der Elbepark - eines der größten Dresdner Einkaufszentren - ist durch die Flutwelle voll gelaufen. Entlang der ihn begrenzenden Autobahn A vier wurden in der Nacht die Unterführungen mit Sandsäcken dicht gemacht, um das dahinter liegende Wohngebiet nicht durch Fließwasser zu gefährden, sagte ein Sprecher der Stadt.

Bis zum späten Freitagnachmittag mussten in Sachsen laut Milbradt 33 000 Menschen in Sicherheit gebracht werden. Die Tendenz sei steigend. Die Zahl der Todesopfer ist auf zehn gestiegen. Die Zahl der Verletzten liege bei 95, hieß es aus dem sächsischen Innenministerium. 21 Menschen werden noch vermisst.

Bahnverkehr eingestellt

Auch in den anderen betroffenen Regionen Ostdeutschlands kämpften die Menschen gegen steigende Wassermassen. In zahlreichen Städten wurden Evakuierungen eingeleitet oder mit Tausenden Sandsäcken Barrieren errichtet. Zehntausende flüchteten in den Katastrophengebieten vor den Wassermassen. Die Behörden kündigten an, Häuser notfalls mit Gewalt zu räumen. Nach wie vor ist unklar, wie hoch die Schäden sein werden. Experten rechnen aber mit mehreren Milliarden Euro, die durch die Wasserfluten vernichtet wurden.

Wegen Hochwasserschäden bei Riesa stellte die Bahn den gesamten Zugverkehr zwischen Dresden und Leipzig am Freitag wieder vollständig ein. Wegen des weiter steigenden Hochwassers wurde am Abend in den Gebieten entlang der Elbe flächendeckend der Strom abgeschaltet. Die Qualität des Trinkwassers ist weiterhin gewährleistet, die Gasversorgung für die Landeshauptstadt gesichert.

Die Stadt Pirna an der Elbe 25 Kilometer südöstlich von Dresden stoppte die Evakuierung, nachdem mehr als 2 000 Menschen Häuser und Wohnungen verlassen hatten. Für sie wurde eine Zeltstadt eingerichtet. Die Stadt lief zwar nach Angaben der Behörden in der Nacht "langsam und sacht" voll. Das Wasser stieg jedoch langsamer als erwartet.

Erste Wassereinbrüche in Bitterfeld

In Sachsen-Anhalt spitzte sich die Lage an Mulde und Elbe dramatisch zu. In allen Kreisen entlang der Elbe herrschte Katastrophenalarm. Vor allem in Bitterfeld war die Hochwasserlage weiter äußerst angespannt. Am Abend drang Wasser aus der überfließenden Goitzsche in die Stadt und setzte zahlreiche Keller unter Wasser. Ein Sprecher des ortlichen Krisenstabes vermutete, dass zwei Drittel des Stadtgebietes im Laufe der Nacht überschwemmt werden würde. Zuvor hatten rund 2 400 Helfer in glühender Hitze zwei mannshohe Mauern aus Sandsäcken aufgeschichtet, um die Stadt vor den Fluten der Mulde zu schützen. Das Wasser des Flusses ergießt sich durch einen gebrochenen Damm in die Goitzsche. Trotz der Ableitung eines Teils des Wassers der Mulde in das Tagebaurestloch Rösa stieg der Wasserspiegel im Tagebaurestloch Goitzsche weiter an.

Unterdessen wurden die für Magdeburg geplanten Evakuierungen gefährdeter Stadtteile vorerst ausgesetzt, aber noch keine Entwarnung gegeben. In Dessau und Wittenberg war die Lage unverändert angespannt. In Dessau waren die Stätten des Weltkulturerbes, das Bauhaus ebenso wie das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, bedroht. Wegen der nahenden neuen Hochwasserwelle der Elbe lieferten sich die Hilfskräfte einen Wettlauf mit der Zeit: "Alles was Beine hat, kommt hierher und hilft", sagte eine Sprecherin.

In der 22 000 Einwohner zählenden Stadt Wittenberge bereiteten sich die Menschen auf die völlige oder teilweise Evakuierung der Stadt vor. Mit dem ersten Hochwasserscheitel wird dort für Dienstag oder Mittwoch gerechnet. Laut Innenministerium besteht jedoch die Hoffnung, dass Wittenberge und die umliegenden 45 Ortschaften von einer Überflutung verschont bleiben.

Lage in Brandenburg spitzt sich zu

Auch in Brandenburg nimmt die Hochwassergefahr dramatisch zu. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) warnte am Freitag jedoch nach einer Sitzung des Krisenstabes in Potsdam vor Panik. Die Stadt Mühlberg im Südwesten war fast vollständig geräumt. Die Elbe stand dort am Abend 9,34 Meter hoch und stieg mit einer Geschwindigkeit von sechs Zentimetern pro Stunde. Der Leiter des örtlichen Einsatzstabs, Klaus Richter, zeigte sich "verhalten optimistisch", dass es in der Nacht nur vereinzelt zur Überflutung der Deichkronen kommen wird. Dagegen ging der Krisenstab im Potsdamer Innenministerium davon aus, dass die Elbe am späten Abend den Deich und somit auch den Ort allmählich überflutet.

In die besonders gefährdete Prignitz wurden zusätzlich 1 200 Bundeswehrsoldaten aus Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen beordert. Sie sollen von Samstag an einen 13 Kilometer langen Deichabschnitt bei Cumlosen um einen halben Meter erhöhen. 1,4 Millionen Sandsäcke lagen dafür bereit.

Sollte der Deich in Mühlberg brechen, führt das nach Angaben des Potsdamer Innenministeriums zu einer Überschwemmung des gesamten Gebiets bis zur Bahnstrecke von Riesa (Sachsen) nach Falkenberg. Nach Angaben des Einsatzstabs bei Mühlberg wären das rund 100 Quadratkilometer.

Die 9 000 Einwohner der Stadt Herzberg an der Schwarzen Elster mussten ebenfalls Überschwemmungen befürchten. Regierungschef Platzeck wies Darstellungen zurück, dass die Abstimmung mit Sachsen nicht richtig funktioniere. Die Verbindungen seien exzellent.

Bangen in Norddeutschland, Entspannung in Bayern

Auch Norddeutschland ist von der Jahrhundertflut bedroht. In Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen wurden erste Vorbereitungen für die Elbeflut getroffen, die Ende kommender Woche im Norden erwartet wird. Aufgehoben wurde der Katastrophenalarm in Bayern für Regensburg und den niederbayerischen Landkreis Straubing-Bogen.

Gespannt blickten die Menschen am Unterlauf der Elbe auf die Entwicklung weiter flussaufwärts. Der Krisenstab in Dresden erwartete, dass der Pegelstand im tschechischen Usti kurz vor der deutschen Grenze noch am Freitag seinen Spitzenwert erreicht. In der slowakischen Hauptstadt Bratislava stieg die Donau auf den höchsten Stand seit knapp 50 Jahren.

Politiker beraten über Reaktionen auf Flutkatastrophe

Insgesamt sind nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums mehr als 6 000 Soldaten im Einsatz in den deutschen Krisenregionen. Die Regierungschefs mehrerer vom Hochwasser betroffener Staaten wollen an diesem Sonntag in Berlin mit Bundeskanzler Schröder zusammentreffen. Die ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, Georg Milbradt und Wölfgang Böhmer treffen sich am Samstag in Leipzig mit Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) zur Beratung über die Folgen der Katastrophe.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) trifft sich am Sonntag mit EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und Regierungschefs mehrerer vom Hochwasser betroffener Nachbarstaaten zu Beratungen über Reaktionen auf die Flutkatastrophe. Das Magazin "Capital" berichtete, die EU werde bei dem Treffen der Bundesrepublik über eine Milliarde Euro Hilfe versprechen. Ein Kommissionssprecher sagte: "Wenn ein Mitgliedsstaat in Not ist, sind wir da, sind wir bereit zu helfen und zeigen dies."

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