Outsourcing der Arzneimittelproduktion gescheitert
Spezialchemie stellt Zulieferung für Pharma auf den Prüfstand

Das einst viel versprechende Outsourcing in der Arzneimittelherstellung gilt als gescheitert. Berater hatten Arzneimittelherstellern eine Konzentration auf Entwicklung und Vertrieb prognostiziert - Chemiekonzerne sollten die Produktion besorgen. Aber die Pharmaindustrie hält an ihrer ganzen Wertschöpfungskette fest.

Die Auftragsproduktion von Arzneimittelwirkstoffen für die Pharmaindustrie wird auf absehbare Zeit nicht halten, was sich die Spezialchemiekonzerne von ihr versprochen haben. Diese Einsicht hat sich in Industriekreisen durchgesetzt. Selbst Unternehmensberatungen wie Arthur D. Little, deren Berater Enrico Polastro vor fünf Jahren Wegbereiter des Business-Trends zur Pharma-Auftragssynthese war, rechnen mit einer Marktbereinigung. "Wenn sich das Geschäft wieder erholt, dann eher durch Kapazitätsabbau als durch mehr Nachfrage", predigt er heute.

So hat die Degussa AG ihre pharmanahen Feinchemie-Geschäfte im Oktober mit 500 Mill. Euro so stark wertberichtigt, als würde sie künftig kaum mehr etwas abwerfen. Einen ähnlichen Schritt hatte im Frühjahr schon die Schweizer Lonza AG gewagt. Die US Great Lakes Chemical Co. -Gruppe will die Pharma-Zulieferung sogar ganz aufgeben. "Manche Unternehmen haben Millionen von Dollars für die Feinchemie ausgegeben, um bei ihren Investoren besser dazustehen", ärgert sich Vorstandschef Mark Bulriss. "Unglücklicherweise waren wir auch dabei."

Lange Zeit hatten die Spezialchemiekonzerne die Pharma-Zulieferungen als Weg angesehen, sich von den Branchenzyklen ihrer Industriekundschaft abzukoppeln. Zudem versprach das Geschäft mit der Gesundheitsbranche zweistellige Margen. So hatte Degussa 2000 den britischen Pharmazulieferer Laporte erworben. Zuvor hatte sich DSM N.V. mit Gist Brocades verstärkt und anschließend Catalytica Pharma dazu erworben. Rhodia S.A. verstärkte sich vor drei Jahren mit Chirex, Akzo Nobel NV peppte ihre Pharmasynthesetochter Diosynth mit der US-Firma Covance auf. Clariant erwarb die englische BTP. In der Rückschau halten Analysten diese Zukäufe für überteuert.

So tobt in der Branche seit drei Jahren ein erbitterter Kampf um lukrative Aufträge. Heute liegen DSM und Degussa zwar bei Pharma-Vorprodukten mit jeweils fast 1 Mrd. Euro Umsatz vorn. Zufrieden ist mit dem Geschäft aber niemand mehr. Denn geblieben ist vor allem die margenschwache Herstellung patentfreier Schmerzmittel und Antibiotika. Kurzfristig scheint allenfalls die Wirkstoff-Zulieferung für Generika-Konzerne attraktiv zu sein, doch über deren langfristige Aussichten sind Experten uneins.

Outsourcing-Trend ist ausgeblieben

Sicher sind sie sich dagegen, dass der erwartete Outsourcing-Trend in der Arzneimittelherstellung ausgeblieben ist. "Es hat sich als Irrtum erwiesen, dass sich die Pharmakonzerne immer mehr zu Marketingzentralen entwickeln, während sie die Produktion in die Spezialchemie auslagern", sagt Sven-Uwe Vallerien, Chemie- und Pharmaspezialist der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Als Grund sieht er eine Trendwende bei den Zulassungen in der Pharmaindustrie, die das Geschäftsmodell der Zulieferer konterkariert.

Tendenziell gehen die Pharma- Neuzulassungen seit zwei Jahren zurück - 2003 kamen ganze 15 patentgeschützte Medikamente neu auf den Markt. Das Reservoir an Wirkstoffen, die der Natur abgeschaut sind, gilt als weitgehend erschöpft. Gleiches gilt für die Finanzmittel der Krankenversicherungen, die neue Medikamente heute stärker unter Kosten-Nutzen-Aspekten prüfen.

Dazu wird laut Vallerien bei neuen Medikamenten die benötigte Wirkstoffmenge immer geringer. Auch die Zahl der Synthesestufen pro Wirkstoff sinkt durch den Einsatz moderner Verfahren. "Viele Pharmakonzerne entscheiden sich derzeit, ihre Vorprodukte zu marginalen Kosten weiter selbst zu produzieren", resümiert Vallerien. Der Kuchen, den es bei der Auftrags-Synthese zu verteilen gibt, wird kleiner.

In der Spezialchemie hat man noch einen anderen Verdacht: Big Pharma traut den Auftragsproduzenten nicht mehr, vor allem wenn diese selbst Patente auf wichtige Syntheseschritte halten. "Wer 800 Mill. $ in die Entwicklung eines Medikaments gesteckt hat, will nicht zur Geisel im Patentstreit um eine Synthesestufe werden", sagt der Manager eines US-Chemiekonzerns.

Der lange Weg zum Medikament

Berater hatten Arzneimittelherstellern eine Konzentration auf Entwicklung und Vertrieb prognostiziert - Chemiekonzerne sollten die Produktion besorgen. Aber die Pharmaindustrie hält an ihrer ganzen Wertschöpfungskette fest.

  • Wirkstoffsuche: Neue Verfahren sollen neue Blockbuster hervorbringen.
  • Syntheseforschung: Wirkstoffe müssen in großen Mengen herstellbar und international unanfechtbar zu patentieren sein.
  • Galenik: Die Darreichungsform von Medikamenten kann über deren tatsächliche Wirksamkeit und über die Akzeptanz entscheiden.
  • Zulassung: Die Genehmigung durch Europas Pharmabehörde Emea und ihr US-Gegenstück FTC erfordert jahrelange Testreihen.
  • Vertrieb: Der Kontakt zum Arzt und zur Klinik ist erfolgskritisch.

Quelle: Handelsblatt Nr. 002 vom 05.01.04

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