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"O'zapft is" in lndianapolis

Samstagmorgen in Indianapolis. Mein Flieger nach Washington geht erst am frühen Nachmittag. Was macht man mit einer geschenkten Stunde da, wo Amerika am flachsten ist?

Samstagmorgen in Indianapolis. Mein Flieger nach Washington geht erst am frühen Nachmittag. Was macht man mit einer geschenkten Stunde da, wo Amerika am flachsten ist? "Du musst in den Bierkeller", sagt Keith Osburn, den ich am Vortag bei einem Kongress über transatlantische Beziehungen kennen gelernt habe. "Bierkeller um zehn?", denke ich. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Aber dann packt mich doch die Neugierde: Das Leben ist schließlich eine Wundertüte. Also steige ich in den weißen Toyota von Keith, und los geht's. Keith macht natürlich einen Schlenker zur berühmten Rennstrecke "Indianapolis 500". Vor dem Eingang zu der grauen Betonanlage hält er kurz an und raunt: "Schumacher hat hier im letzen Jahr die Formel eins gewonnen." Sieh' an, "Schumi". Wer in der amerikanischen Provinz bekannt ist, muss wichtig sein. "Time Magazine" nennt Schumacher immerhin als einen der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten auf der ganzen Welt.
Dann sind wir am Ziel unseres Ausflugs. Wir laufen auf einen roten Backsteinbau zu, gehen durch den Hof. Vorbei an Holztischen, die noch den Wintergammel in sich tragen, führt der Weg die Treppe hinunter. Keith öffnet die Tür, und dann verschlägt's mit die Sprache. Der "Beer Cellar" ist ein kirchenschiffgroßer Raum mit weißblauen Fahnen an der Decke. Auf den dunkelbraunen Tischen stehen Aschenbecher aus Glas. An der Bar gibt's "Spathen Bräu" und "Weihenstephaner". Auch ein Tagesgericht haben sie hier. "Jägerschnitzel mit Pilzsoße", heißt es auf einer Schiefertafel. Um diese Zeit sind Keith und ich die einzigen Gäste. Am Samstagmorgen arbeitet der Durchschnittsamerikaner in der eigenen Wohnung oder kauft ein. "Aber abends geht hier aber die Post ab: Da spielen die 'Polka Boys'", sagt Lucie, die später hier kellnern wird.
Die "Polka Boys": Ich höre auf einmal bayrische Blasmusi, und Bilder mit feschen Madl's im Dirndl und Bua'm in de n Krachledernen schießen mir durch den Kopf. "O'zapft is" in Indianapolis. Wir gehen in den Tanzsaal nebenan. Kalter Rauch vom Vorabend liegt noch in der Luft. An den Wänden hängen gerahmte Bilder: "Nordamerikanisches Turnerfest", steht auf einer Einladung vom 13. Juni 1913. Drei Meter daneben sieht man ein grisseliges Schwarz-Weiß-Foto, auf dem Männer und Frauen getrennt Leibesertüchtigung betreiben. Und - ich reibe mir die Augen - da kommt tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift "Frisch, fromm, fröhlich, frei". Der gute alte Turnvater Jahn in Indianapolis!   
Einwanderer aus "Germany" haben Ende des 19. Jahrhunderts das "Deutsche Haus" in Indianapolis gegründet - jene Begegnungsstätte, in der sich auch der Bierkeller befindet. Die Turner waren die ersten, dann wurde es zum Treffpunkt aller deutschen Einwanderer in der Stadt. In den kleinen Nebenräumen stehen Bierkrüge mit Zinndeckeln. Und eine der Wände ziert in altdeutschen Lettern d er Spruch: "Ernst ist das Leben, heiter die Kunst." Auch Schiller hat sich also nach Indianapolis verirrt. Ein Stück deutsches Kulturgut - authentisch, unverfälscht - hat die Reise ins Hightech-Zeitalter überstanden: ausgerechnet im tiefsten Mittleren Westen Amerikas. Fehlt nur noch, dass mir der Geheimrat von Goethe einen teutschen Gerstensaft kredenzt mit den Worten "O Augenblick, verweile . . ." Aber ich fange schon an zu spinnen.


Den größten Einschnitt hat das "Deutsche Haus" beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges erlebt. Die deutsche Exilgemeinde war enttäuscht über die militärischen Eskapaden von "Willem Zwo" und befürchtete massiven Druck aus der neuen Heimat. Das "Deutsche Haus" wurde daraufhin in "Athenäum" umbenannt. Die knochentrockene Begründung des Vorstandes: "Dass die Griechen Krieg mit Amerika anfangen, ist unwahrscheinlich."
Nach dieser geballten Ladung Geschichte wollen Keith und ich dann R ichtung Ausgang, können aber nicht der Versuchung widerstehen, im Saal der "Indiana German Heritage Society" kurz halt zu machen. Da steht Professor Emeritus Eberhard Reichmann am Pult und doziert über das deutsche Liedgut. "Mein Hut, der hat drei Ecken", fängt er auf einmal an zu singen und schwingt seinen Holzstock rhythmisch im Takt. Das Publikum, alt und jung, summt mit. Aus meinen hintersten Hirnwinkeln kriechen Szenen längst vergangener Zeiten hervor. Ob Prof. Reichmann zu Hause auch "Spitz, pass' auf!" spielt?
"Kann ich Ihnen behilflich sein?", dringt eine Stimme durch meinen Phantasie-Nebel. Sie gehört dem weißhaarigen Bob Schremm von der "Heritage Society". Eines interessiert mich dann doch: "Wie war das hier in Indianapolis während des Irak-Krieges: Wurden die Deutschen von den Amerikanern geschnitten?" Bob Schremm nickt: "Jaja, da gab es immer wieder die Frage: Warum steht ihr nicht hinter uns?" Was er geantwortet hab e, will ich natürlich wissen. "Wir leben in einer freien Welt", sagt Bob und grinst, dass von seinem Gesicht nur noch die Zähne zu sehen sind.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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