Palästina
„Jassir Arafat entscheidet alles“

Nach dem Ausweisungsbeschluss - ein Tag bei Arafat zeigt: Er ist so populär wie lange nicht

Ramallah. Der Präsident strahlt. Beschwingt tritt er in seiner grünen Uniform und dem schwarz-weißen Palästinensertuch an diesem Samstagmorgen ans Fenster, winkt der Menge zu, macht das V-Zeichen, küsst seine Finger und leitet sie spielerisch-locker den Menschen unten im Hof weiter. Jassir Arafat, palästinensisches Symbol und Staatsmann für die einen, gefährlicher Terrorist für die anderen, ist in Hochform.

Über ein Megafon zitiert der Palästinenser-Präsident einen Koran-Vers: "Meine Brüder, diese Runde im Kampf des tapferen Volkes zeigt der Welt, dass die Menschen keine Angst haben und nicht niederknien. Wir bleiben auf unserer Erde." Angst hat der Belagerte nicht. "Das ist mein Heimatland", sagt er trotzig. "Niemand kann mich hinauswerfen", prophezeit er mit einem breiten, frischen Lächeln. Und einem engen Berater vertraut er an: "Mich vertreiben? Der Revolver ist hier auf dem Tisch. Um mich wegzuhaben, müssen sie mich umbringen."

Zwei Tage ist es jetzt her, dass sich das israelische Sicherheitskabinett auf Arafats Ausweisung geeinigt hat. Mit federleichtem Schritt geht der im Hauptquartier nun auf seine Gäste zu, die sich mit ihm solidarisieren. Europäische Diplomaten machen ihm die Aufwartung, Kirchenvertreter sprechen vor. Er sei "charmant und leidenschaftlich wie immer", meint ein englischer Pfarrer, der soeben eine Audienz bei ihm hatte. Arafat sei Teil der Lösung, fasst ein europäischer Generalkonsul nach dem Gespräch zusammen. Und steigt in den bereitstehenden Mercedes. "Es wäre ein Riesenfehler, Mr. Arafat auszuweisen", sagt er noch durch das offene Fenster, bevor der Fahrer den Wagen vorsichtig durch die Menge lenkt. Er fühle sich dem internationalen Friedensplan nach wie vor verpflichtet, habe ihm Arafat versichert. Die internationale Gemeinschaft müsse Druck auf Israel ausüben, damit es seine Politik ändere, so ein anderer Diplomat, dessen Wagen mit der französischen Trikolore geschmückt ist.

Seit bald zwei Jahren ist Arafat in seinem Gebäudekomplex gefangen. Israels Premier Ariel Scharon hat Arafat, im Einverständnis mit den USA, isoliert, um ihn als Palästinenserführer irrelevant zu machen. Wiederholt ist die israelische Armee mit Panzern, Bulldozern und Elitetruppen in den vergangenen Monaten bis dicht ans Gebäude vorgedrungen. Im Vorhof der Mukataa, Arafats Hauptquartier, sind die Zeichen der Zerstörung geblieben: Eine Halde mit flach gewalzten Autowracks, halb abgebrochene Gebäude, Einschüsse. Der einst stolze Gebäudekomplex besteht noch aus zwei Häusern, die durch eine überdachte Brücke miteinander verbunden sind. Israelische Panzer haben in der Nähe Position bezogen, allzeit bereit, "das Hindernis zum Frieden" (Scharon) abzuholen.

Den Befehl zum ultimativen Schritt, der Ausweisung Arafats, hat Scharon bisher indes noch nicht gegeben. Er hat den Amerikanern versprochen, Arafat am Leben zu lassen, auch wenn sein Vize Ehud Olmert gestern erklärte, er hielte sogar einen Mordanschlag für eine "legitime" Methode, um Arafat aus dem Weg zu räumen. Doch allein schon der "prinzipielle Beschluss" des israelischen Sicherheitskabinetts, Arafat auszuweisen, hat jetzt aus der Ruine Mukataa einen neuen Wallfahrtsort des palästinensischen Widerstands gemacht.

Tausende von Schülerinnen und Schülern strömen zum Hauptquartier, schwenken Palästina-Fahnen und tragen Arafat-Poster mit sich. Sie haben an diesem Morgen schulfrei bekommen und skandieren "Wir werden dich mit unserem Blut und mit Feuer erlösen." Arafat korrigiert: "Nicht mich, sondern Palästina." Erneuter Jubel. "Die Jugend hat jetzt endlich wieder eine Vision", meint ein palästinensischer Journalist. Wie diese Vision aussieht, kann er allerdings nicht verdeutlichen.

Auch eine Delegation der palästinensischen Anwaltskammer hat sich eingefunden. Sie hat an diesem Samstag um 11 Uhr einen Termin bei Arafat und muss warten. Die Besucherliste ist lang. Inzwischen ist es Mittag, und die Juristen stehen immer noch draußen. Vorgelassen wird nur ein 14-jähriges Mädchen in ihrer braun-gelb gestreiften Schüleruniform und dem weißen Kopftuch. Sie darf durch die enge Türe schlüpfen, weil sie während der Intifada drei Familienmitglieder verloren hat.

Da das Gespräch mit den Diplomaten aus Europa viel länger als vorgesehen gedauert hat, übergeben die Juristen einem Gehilfen Arafats einen roten Samtkasten mit einem Perlmutt-Modell des Felsendoms. Dann ziehen sie ab, ohne den Präsidenten gesprochen zu haben. Sie wollen später zurückkommen. Denn es kündigt sich bereits eine Abordnung israelischer Friedensaktivisten an, die sich mit Arafat solidarisch erklärt.

Der 80-jährige Uri Avnery, seit vielen Jahren ein enger Freund Arafats, führt sie an. Vorbei an Sandsäcken werden die Gäste ins große Sitzungszimmer geführt, in dem zwei lange Tische stehen. Persönlich begrüßt der Gastgeber jeden einzelnen Besucher.

"Meine Brüder, meine Cousins", spricht Arafat die Besucher aus Israel an, "wir sind alle Söhne Abrahams, die Geschichte kann man nicht auslöschen." Auch der designierte palästinensische Premier Ahmed Kureia nimmt sich Zeit, die "Freunde aus Israel" willkommen zu heißen. Gleichzeitig erweist er Arafat die Reverenz, indem er seinen künftigen Einfluss als Regierungschef herunterspielt: "Jassir Arafat ist unser Führer, der am Schluss alles entscheidet."

Arafat lädt zu Tisch. Der Weg in den Speisesaal führt über eine überdachte Brücke, an stählernen Fensterläden und mit Beton gefüllten Fässern vorbei. Der Präsident bleibt plötzlich stehen, neigt sich zum Fenster hinaus, winkt, lacht, freut sich. Die Schüler, die unten im Hof standen, sind inzwischen durch eine vielköpfige Abordnung von Hamas-Leuten abgelöst worden. Wo bisher die gelben Fahnen von Arafats Fatah-Partei dominierten, wehen nun die grünen Flaggen der islamischen Radikalen, denen Arafat, so wollen es die USA und Israel, den Kampf ansagen sollte, um der Gewalt ein Ende zu setzen.

Arafat, der seit zwei Jahren kaum die Sonne gesehen hat, wirkt mit seinen Pigmentfehlern an den Händen blass. Aber das starke Zittern ist verschwunden. Trotz der Scharon-Drohung strahlt er Ruhe, Zuversicht und Gelassenheit aus. Israels Regierung, meint Fadel Tahboub, ein enger Arafat-Berater, habe dem Palästinenserführer mit seinem jüngsten Entschluss nämlich das größte Geschenk gemacht: "Schon lange war Arafat im Volk nicht mehr so populär wie jetzt." Die Drohung Scharons habe alle Palästinenser vereinigt. Im Libanon und in Jordanien sei es bereits zu Pro-Arafat-Demonstrationen gekommen, freut sich der Berater.

Belagerung hin oder her, die Gäste werden kulinarisch verwöhnt: Suppe, Fisch, Lamm, Hühnchen, Reis. Dazu gibt es Gemüse und als Nachspeise süßes Gebäck und frische Früchte. Es fehlt an nichts. Arafat selber erhält ein Spezialmenü: Fisch ohne Gräten, der in kleine Häppchen zerschnitten ist. Sein persönlicher Koch weiß, was und wie es sein Chef mag.

Je schwieriger die Lage und je stärker der Druck, desto kreativer werde er, meint einer seiner Vertrauten, während sich Arafat auf die Mandeln konzentriert, die er aus einer weißen Schale pickt. Flink servieren die Kellner und sprechen mit den Gästen Hebräisch; sie haben früher in israelischen Luxushotels gearbeitet. Auch Arafat gibt einiges auf Ivrit zum Besten. "Ani ohev otach" (Ich liebe dich) oder "Ma schlomcha" (Wie geht es dir) - das habe er vor vielen Jahren in Kairo gelernt, sagt er und lacht.

Dann erzählt er mit breitem Lachen Anekdoten über "Bibi" (Ex-Premier Netanjahu) und Scharon. Richtig lebhaft wird Arafat allerdings erst, wenn er in der Vergangenheit schwelgt. In seiner Jugend habe er in der Jerusalemer Altstadt mit jüdischen Kindern gespielt. Nie sei es zu Zwischenfällen gekommen. Juden und Araber hätten sich damals bestens verstanden. Er strahlt übers ganze Gesicht und blickt keck in die Runde, als er Rosa preist, ein "wunderhübsches Mädchen", das im jüdischen Quartier gelebt habe.

Plötzlich steht er auf und verschwindet für Minuten in einem Nebenraum, um ein wichtiges Telefonat zu führen. "Ein Anruf von Husni Mubarak", dem ägyptischen Staatschef, sagt er und setzt einen herausfordernden, ja fast stolzen Blick auf, als wolle er sagen: "So wichtig wie jetzt war ich lange nicht mehr."

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