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Palästinenser trotzen Israels Panzer-Drohung

Reuters JERUSALEM. Trotz aller Appelle und Warnungen haben die Palästinenser am Montag ihren Aufstand gegen die Besatzungsmacht Israel fortgesetzt. Im Gaza-Streifen stürmten Jugendliche am fünften Tag der Unruhen einen Außenposten der Armee. Israel drohte am Montag mit dem Einsatz aller Mittel gegen die Aufständischen und lockte zugleich mit der Wiederaufnahme der Verhandlungen über einen Palästinenser- Staat im Gaza-Streifen und Westjordanland. Bis Montagnachmittag erhöhte sich die Zahl der Toten auf 37. Der zweite Aufstand seit 1996, als 74 Menschen starben, entzündete sich erneut an den Ansprüchen beider Seiten auf Jerusalem als Hauptstadt.

Nach dem Tod dreier arabischer Israelis und eines Juden sagte Ministerpräsident Ehud Barak am Montag im Rundfunk, die Armee habe Befehl, die Bevölkerung mit allen Mitteln zu schützen, auch mit Panzern. Er besuchte das Oberkommando der Besatzungstruppen im Westjordanland und sagte, noch sei es zu früh, den Friedensprozess für tot zu erklären. Auch während des Aufstandes blieb er mit Palästinenser-Präsident Jassir Arafat in Kontakt. Der stellvertretende Verteidigungsminister Ephraim Sneh betonte im Fernsehen, das Tragische an dem Aufstand sei, dass der Frieden zum Greifen nahe sei. Solange aber gekämpft werde, gingen die Verhandlungen nicht weiter.

Kampfhubschrauber im Einsatz

Die USA, die Europäische Union und die UNO haben aus Sorge um die Verhandlungen ein Ende des Blutvergießens verlangt. Es schien nahe zu sein, als Israel und die Palästinenser mitteilten, es sei für Sonntagabend eine Waffenruhe vereinbart worden. Am Montag ging jedoch der Aufstand weiter. Israel setzte zum zweiten Mal seit Sonntag Kampfhubschrauber ein. Im Gaza-Streifen blieb die israelische Siedlung Netsarim der Brennpunkt. Ein junger Palästinenser wurde erschossen, als er und Hunderte Andere den dortigen Armeeposten mit Steinen und Flaschen bewarfen und schließlich stürmten, um die israelische Flagge zu verbrennen. Im Laufe der Auseinandersetzungen beschossen sich auch israelische Soldaten und palästinensische Polizisten.

Brennpunkte des Aufstandes im Westjordanland waren am Montag Nablus, wo die israelische Armee wie am Sonntag Kampfhubschrauber zum Schutz eines jüdischen Wallfahrtsortes, des Josefsgrabes, einsetzte, Hebron, das benachbarte Bain Naim, und Bidja. Bei Bidja wurde am Montag ein 30 Jahre alter jüdischer Israeli erschossen, der mit dem Auto unterwegs war. Bei Straßenkämpfen mit jüdischen Siedlern wurden in der Ortschaft selbst fünf Palästinenser verletzt. In Israel selbst setzten sich die Unruhen in Um el Fahem fort, einer Stadt der arabischen Israelis im Norden, wo am Sonntag zwei Menschen starben. Am Montag wurde ein weiterer Bewohner erschossen, als israelische Sicherheitskräfte scharf in eine Menge von mehreren tausend Demonstranten feuerten. Es gab zudem 65 Verletzte.

Die israelische Regierung hat den Palästinensern die Schuld an dem Blutvergießen gegeben. Hingegen kamen aus dem Ausland Vorwürfe gegen den Chef der Likud-Partei, Ariel Scharon. Brächte Likud die Minderheitsregierung Baraks mit einem Misstrauensvotum zu Fall, hätte Scharon die Aussicht, nach Neuwahlen Ministerpräsident zu werden.

Scharons Verhalten eindeutig kontraproduktiv

Der französische Staatspräsident Jacques Chirac nannte es am Montag eine verantwortungslose Provokation, dass Scharon am Donnerstag den Tempelberg aufsuchte. Er tat dies kurz nachdem Barak die Möglichkeit angesprochen hatte, den Palästinensern einen Teil Ostjerusalems als Hauptstadt zu überlassen. Der Tempelberg dort ist Juden und Moslems gleichermaßen heilig. Der Besuch Scharons löste den Aufstand aus. Die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright nannte Scharons Verhalten eindeutig kontraproduktiv.

In der arabischen Welt wuchs am Montag die Solidarität mit den Palästinensern. Ägypten und Syrien verlangten die rasche Einberufung eines Gipfeltreffens der Arabischen Liga. Die Staaten des Golf-Kooperationsrates forderten, die Völkergemeinschaft müsse dem Massaker Israels an den Palästinensern in den besetzten Gebieten ein Ende machen. Dem Rat gehören Saudi-Arabien, Kuwait, Oman, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabaischen Emirate an. Arafat suchte am Montag im Amman die Unterstützung Jordaniens. Der iranische Präsident Mohammad Chatami sagte in Teheran, wahren Frieden werde es erst geben, wenn der Staat Israel einem Gemeinwesen aller Palästinenser weiche, gleich ob Juden, Moslems oder Christen.

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