Palästinenserchef beklagt Instrumentalisierung des Nahostkonflikts durch bin Laden
Arafat laviert zwischen den USA und der Hamas

Palästinenserführer Arafat steht seit Beginn des Krieges in Afghanistan mit dem Rücken zur Wand. Einerseits sieht er sich gezwungen, einen Schmusekurs gegenüber den USA zu fahren. Eine neutrale Position kann er sich nicht leisten. Andererseits sitzen ihm die mächtigen radikalen Palästinenser im Nacken.

HB TEL AVIV. Palästinenserführer Jassir Arafat hat sich am Mittwoch erneut von Osama bin Laden distanziert und sich im Kampf gegen den Terror auf die Seite der USA gestellt. "Bin Laden benutzt das Leiden des palästinensischen Volkes als Instrument, um seine eigenen Interessen durchzusetzen", sagte Arafat in Doha an einem Außenministertreffen der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) mit 57 Mitgliedsstaaten. Die Waffenruhe, die er mit Israel ausgehandelt habe, sei für ihn verbindlich, meinte Arafat weiter, warf Israel aber vor, die Terrorattacken auf die USA als Vorwand zu benutzen, um die Besatzung der palästinensischen Gebiete zu intensivieren.

Hartes Durchgreifen gegen Demonstranten

Dass Arafat versucht, bei den Amerikanern gut dazustehen, hat er in den vergangenen Tagen mit einem harten Durchgreifen gegen Demonstranten bewiesen, die in Gaza für den vermeintlichen Drahtzieher der Terrorakte in den USA bin Laden auf die Straße gingen. Die palästinensische Polizei löste die Demonstrationen mit scharfer Munition auf. Ergebnis: zwei Tote. Die meisten Demonstranten waren Anhänger der radikalen Hamas. Beobachter sprachen von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Arafat ließ Schulen schließen und verweigerte ausländischen Journalisten die Einreise nach Gaza, weil er verhindern wollte, dass Bilder von Kundgebungen mit bin-Laden-Fotos von US-Fernsehanstalten übertragen werden. Über 120 Drahtzieher der Unruhen hat Arafat inzwischen verhaften lassen.

Journalisten dürfen wieder nach Gaza reisen

Am Mittwoch durften Journalisten wieder nach Gaza reisen, und die Schulen wurden geöffnet. Polizisten patrouillierten auf den Straßen Gazas, um spontane Demonstrationen für bin Laden zu unterdrücken. Die palästinensische Polizei habe rund 50 Demonstranten verhaftet, heißt es in Hamas Hamas-Kreisen. suche zwar keine Konfrontation mit Arafat, so Hamas-Sprecher Mahmoud Zahar, "aber die Mehrheit des palästinensischen Volkes akzeptiert die Politik der palästinensischen Autonomiebehörde (PA) nicht".

Pro-Amerikanischer Kurs birgt hohes Risiko

Arafat geht mit seinem pro-amerikanischen Kurs ein hohes Risiko ein. Radikale palästinensische Gruppierungen wollen weder den Waffenstillstand mit Israel respektieren noch auf Kundgebungen für bin Laden verzichten. Seit dieser seinen Kampf gegen den Westen mit den Rechten der Palästinenser verknüpft hat, ist er der neue Held vieler Palästinenser. In einem Video, das nach dem ersten amerikanisch-britischen Angriff auf Afghanistan vom Nachrichtensender Al Jazeera ausgestrahlt worden war, hatte bin Laden gewarnt, dass Amerika nicht im Frieden leben könne, solange die Unterdrückung der Palästinenser anhalte.

Arafat will seine Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen

Arafat versucht nun aber, seine radikalen Gegner in Schach zu halten. Damit will er weltweit seine Glaubwürdigkeit als Führer eines künftigen Staates Palästina unter Beweis zu stellen, nachdem US-Präsident George W. Bush kürzlich die "Vision eines palästinensischen Staates" unterstützt hat. Im Gegensatz zum Golfkrieg vor zehn Jahren, als sich Arafat vorbehaltlos auf die Seite des irakischen Herrschers gestellt und dadurch internationale Unterstützung verloren hatte, sucht er nun offen eine Annäherung an den Westen.

Israel ist skeptisch gegenüber Arafats "Schmusekurs"

Israel hingegen betrachtet Arafats Schmusekurs gegenüber den USA mit Skepsis. Zunächst müsse man abwarten, ob die jüngsten Aktionen der PA in Gaza lediglich darauf abzielten, Sympathisanten bin Ladens aus dem Straßenbild zu entfernen, oder ob es ein ernsthafter Versuch sei, die Gewalt zu beenden, sagte ein Berater von Premier Ariel Scharon. Die Absichtserklärungen Arafats und sein Vorgehen gegen Hamas-Sympathisanten, die Bilder von bin Laden schwenken, beweise nichts, meinen israelische Diplomaten. "Wir sind von seinen guten Absichten erst überzeugt, wenn Arafat Terroristen einsperrt", meint ein Sprecher des Außenministeriums. Das falle Arafat aber schwer: Die Hamas-Geister, die er rief, werde er nun nicht mehr los, befürchtet ein israelischer Diplomat.

Premier Scharon ist sich bewusst, dass Arafat in einer Zwickmühle steckt. Die USA werden sich von Arafats Wende nicht blenden lassen, so sein Kalkül. Israel habe von den USA Informationen erhalten, wonach Washington gegen alle Terroristen, darunter auch Organisationen wie Hamas, Islamischer Dschihad und Hisbollah, vorgehen werde, berichtet inzwischen die Tageszeitung "Haaretz". Priorität habe für Washington, so "Haaretz", vorerst aber der Kampf gegen die Taliban und bin Laden.

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