Palästinensischer Aufstand schreckt Investoren ab
Nahost-Konflikt treibt Israel in die Rezession

Israel erlebt derzeit die schärfste Wirtschaftskrise seit 1966. Die endlose Gewaltspirale zwischen Israelis und Palästinensern schreckt nicht nur Touristen ab. Sie zieht auch die Tel Aviver High-Tech-Branche in Mitleidenschaft. Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Viele junge Menschen wollen das Land bereits verlassen.

hn Tel Aviv. Die Ratschläge des israelischen Journalisten Ben-Tsion Citrin sind bei seinen Landsleuten derzeit besonders gefragt. In seinem Buch "Wie erhalte ich einen zweiten Pass?" hat er sich als Spezialist für den Erwerb einer zusätzlichen Staatsbürgerschaft ausgewiesen. "Ich erhalte pro Woche Dutzende von Anfragen", sagt er. Vor allem Familien mit Kindern erkundigen sich bei ihm nach Auswanderungsmöglichkeiten, weil sie, so Citrin, "nicht mehr an die Möglichkeit eines Friedens mit den Palästinensern glauben".

Im klassischen Einwanderungsland - allein in den neunziger Jahren hat Israel eine Millionen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion absorbiert - haben in den vergangenen Monaten 14 Prozent der jüdischen Erwachsenen mit dem Exodus geliebäugelt, hat eine repräsentative Meinungsumfrage kürzlich ergeben. In der Altersgruppe von 28-34 Jahren steigt der Anteil derjenigen, die auswandern wollen, auf 28 Prozent. Viele würden den Zweitpass als eine Versicherung für den befürchteten Katastrophenfall betrachten, meint Citrin. Angestiegen ist deshalb auch das Interesse am Erwerb von Wohnungen im Ausland. Der Immobilienmakler Schlomo Manor von der Firma Re/Max registriert im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg des Interesses um dreißig Prozent.

Die Widerstand der Palästinenser, die Intifada, schlägt nicht nur aufs Gemüt vieler Israelis - sie hat auch wirtschaftliche Konsequenzen. Die "Föderation israelischer Handelskammern" spricht von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1966. Für das laufende Jahr rechnet Deutsche Bank Research mit einer Reduktion des Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2001 war die israelische Wirtschaft noch um 6,0 % gewachsen.

Tourismusbranche steckt in tiefer Krise

Seit dem Ausbruch der Intifada Ende September 2000 mussten mangels Kundschaft 30 Hotels schließen, darunter 11 in Jerusalem. Vor einem Jahr beschäftigte der Wirtschaftszweig 36 000 Personen, heute sind es noch 20 000. Im Herbst sollen weitere 4 000 Personen entlassen werden, heißt es in der Branche. Um der Terrorgefahr auszuweichen, lässt das Gros der Airlines das Flugpersonal nicht mehr in Israel übernachten, seit es vor einer Diskothek am Strand von Tel Aviv zu einem Selbstmordattentat mit über 20 Toten gekommen ist. Die Zahl der Gruppenreisen ist in den vergangenen 12 Monaten um 77 Prozent zurückgegangen. Statt der für 2001 erwarteten 3 Millionen reisen bloß 1,2 Touristen ins Heilige Land.

Die Angst vor Terror hat auch europäische Manager erfasst. Wenn es möglich ist, meiden sie Reisen nach Israel. Um so häufiger sind israelische Geschäftsleute unterwegs, weil sie ihre Partner fast nur noch im Ausland treffen können.

Viele Airlines - zum Beispiel Air France und Continental - haben die Zahl ihrer Flüge nach Israel halbiert. Die Lufthansa fliegt aber wie bisher 17 Mal pro Woche nach Tel Aviv, weil sie den Ausfall der deutschen Urlauber durch einen Ticketverkauf an die israelische Kundschaft kompensieren konnte.

Die Intifada wirkt sich nicht nur verheerend auf den Fremdenverkehr aus, sondern auch auf die Bauwirtschaft. Weil die besetzten Gebiete abgesperrt sind, fehlen die palästinensischen Bauarbeiter. Auch bei der Ernte macht sich das Fehlen palästinensischer Tagelöhner bemerkbar. Betroffen von den Auswirkungen des palästinensischen Aufstandes sind zudem zahlreiche Produktionsbetriebe, deren Kunden in den palästinensischen Gebieten leben. Vor allem die Nahrungsmittelindustrie, Zementfirmen und Textilfabrikanten registrieren empfindliche Einbußen.

Die Krise macht sich inzwischen auch auf dem Devisenmarkt bemerkbar. Solange die Unsicherheit anhält, rechnen Bankökonomen mit einer schleichenden Abwertung der Landeswährung. Die Auswirkungen der Intifada schlagen sich ebenfalls im Staatshaushalt nieder. Die Militärausgaben sind im diesem Jahr um 7 Prozent gestiegen, und das Defizit ist bereits in den vergangenen Monaten höher ausgefallen, als sich die Wirtschaftspolitiker das vor dem Ausbruch der Intifada vorgestellt hatten. Damals wollten sie sich an dem Stabilitätspakt der Europäischen Union orientieren. Nun muss der israelische Kassenwart im nächsten Finanzjahr das Budgetdefizit von 1,5 auf 2,4 Prozent des Bruttosozialprodukts erhöhen.

Die Intifada-Auswirkungen werden durch die weltweite Krise der High-Tech-Branche verschärft. Kein Land ist technologieabhängiger als Israel, dessen Hochtechnologiesektor 15 Prozent des Sozialproduktes erwirtschaftet. Die Intifada erschwert es den israelischen Ingenieuren und Managern, mit ausländischen Partnern im Kontakt zu bleiben. So müssen Technologie-Konferenzen abgesagt werden, weil sich Teilnehmer aus Angst vor Terroranschlägen nicht nach Israel wagen, oder Pharma-Firmen verlieren Kunden für klinische Untersuchungen, weil der Forschungs-Standort Israel als riskant gilt.

Auch Finanzleute haben zunehmend Bedenken, sich in Israel zu engagieren. "Investoren wollen Ruhe, und sie investieren nicht, bevor die Ruhe wieder hergestellt ist", sagte kürzlich Vereidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer vor der israelisch-amerikanischen Handelskammer.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%