Panscherei, Spekulation und Qualitätszweifel in Bordeaux
Bordeaux-Weine leiden unter Konkurrenz aus Neuer Welt

Frankreichs führende Weinregion wird von Affären und dem Wettbewerb aus Amerika, Australien und Chile gebeutelt. Nachdem viele Bordeaux-Winzer sich in den vergangenen Jahren an der Konkurrenz aus Übersee orientierten, geht die Region jetzt mit ihren traditionellen Werten in die Offensive.

PARIS. Wenn die Worte Frankreich und Wein fallen, ist der Gedanke an den Bordeaux bei vielen Deutschen nicht fern. Doch die Franzosen sind mit ihrem Erfolg im Ausland nicht zufrieden. Die Weinerzeuger aus Frankreichs exportstärkster Region wollen ihren weltweiten Werbeetat nahezu verdoppeln. In Bordeaux beschloss der regionale Weinrat jetzt, im laufenden Jahr 17 Mill. Euro für Anzeigenkampagnen und Werbeveranstaltungen auszugeben.

Die Mittel der Franzosen sind gegenüber Wettbewerbern aus Kalifornien, Chile und Australien dennoch bescheiden. So soll alleine die kalifornische Großkellerei über annähernd die gleiche Summe verfügen. So gibt Gallo im umkämpften Exportmarkt Großbritannien 3 Mill. Euro für Werbung aus - dreimal so viel wie die Bordeaux-Winzer.

Hinter dem aggressiven Marketing der Winzer aus der Neuen Welt steht die gestiegene Qualität ihrer Weine. Selbst französische Fachleute rümpfen über die Konkurrenz nicht mehr die Nase. So war die australische Großkellerei Penfolds Wine Pty. Ltd., die eine längere Tradition hat als viele französische Chateaus, die Attraktion beim Spring Wine Tasting in Paris. Die Australier nutzten die Gelegenheit, ihren Marktstart in Frankreich bekannt zu geben. "Wir geben zu, es ist ein Experiment", sagte Patrice Regaud, Repräsentant der Domaine de Poumeyrade in Bordeaux, die den australischen Rebsaft in Frankreich vertreiben wird. "Mehr als ein paar Tausend Flaschen werden wir zunächst nicht verkaufen." Die Konkurrenz aus Übersee trifft auf ein Weinland, das sich in einer Orientierungskrise befindet: Im März war ein Weinhändler damit aufgeflogen, seinen Kunden in erheblichem Umfang Bordeauxwein unter falschem Etikett verkauft zu haben. Ein anderer verspekulierte sich bei Termingeschäften auf den exzellenten, wenngleich in der Fachwelt als überteuert bezeichneten Jahrgang 2000. Vor einigen Wochen startete die französische Kripoeinheit gegen Wirtschaftskriminalität groß angelegte Ermittlungen gegen ein abenteuerlich verschachteltes Weinunternehmen namens Rocher Cap de Rive S.A. Deren Chef Guillaume Berckmanns stritt gegenüber der Zeitung "Libération" alle Vorwürfe ab. "Die Justiz hat bisher noch keine Beschuldigungen gegen uns erhoben", sagte er. In jedem Fall scheinen die Werbeanstrengungen des Weinrates (Conseil Interprofessionnel des Vins de Bordeaux) nötig, um Zweifel an der Redlichkeit des Gewerbes zu zerstreuen.

Parallel zu Affären und Konkurrenzdruck ist im Bordelais eine Qualitätsdebatte in Gang gekommen. Sie könnte in dem Erzeugungsgebiet eine Besinnung auf die Stärken der Region auslösen und den Trend kippen, sich immer mehr an den Weinen der Neuen Welt zu orientieren. Denn in den vergangenen Jahren hatten viele Bordeaux-Chateaus erhebliche Zugeständnisse an die Bedürfnisse des Hauptexportmarktes Amerika gemacht.

In den USA wird Wein meist bald nach dem Kauf konsumiert, zudem werden weniger komplexe Weine bevorzugt. So hatten sich die Winzer von traditionellen, auf langjährige Reifung in der Flasche ausgerichteten Produktionsmethoden umorientiert und vermehrt schnell trinkbare Rotweine produziert. Nur wenige waren dabei so schlau wie das traditionsreiche Chateau Palmer. Das zu den führenden Adressen der Appellation Margaux zählende Gut packte diese Anforderungen von Anfang an in einen Zweitwein mit dem Namen "Alter Ego", um sein Traditionsprodukt nicht zu beschädigen. Zahlreiche andere Bordeaux-Erzeuger müssen dagegen zurückrudern. Sie hatten dem Wein durch eine veränderte Mischung der Rebsorten schon vor der Flaschenabfüllung einen süßlich-runden Geschmack gegeben. Die Verwendung von Fässern aus wärmebehandeltem Holz führten zu dem selben Ergebnis. Auf Erstauktionen wollte man dann die Fachwelt beeindrucken und bessere Preise erzielen. Inzwischen setzt man wieder auf traditionelle Bordeauxweine für geduldigere Kunden. "Wir haben in unseren Kellern noch Flaschen von vor dreißig und vierzig Jahren", sagt Michel Rullier, der das 400 Jahre alte Weingut Chateau Dalem bewirtschaftet und rund die Hälfte seines Weins exportiert. "Die Branche ist es doch selbst schuld, wenn sie sich in den letzten Jahren zu sehr nach den Benotungen der US-Kritiker gerichtet hat."

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