Paolo Scaroni übernimmt heute den Chefposten bei Enel
Scaroni: Knallharter Kostendrücker

Hünenhafte Gestalt, helles Haar, erfolgreiche Karriere im Ausland: Paolo Scaroni, der neue Chef des Stromgiganten Enel, ist die große Ausnahme unter Italiens Managern.

MAILAND. Vor zehn Jahren schien der Mann am Ende zu sein. Am 14. Juli 1992 betreten Ermittler des Mailänder Antikorruptionspools "Mani pulite" - zu Deutsch: saubere Hände - das Büro von Paolo Scaroni, legen ihm Handschellen an und führen ihn ab. Für kurze Zeit landet er im Gefängnis. Die Vorwürfe: Bestechung, Schmiergeldzahlungen, illegale Parteienfinanzierung.

Paolo Scaroni war damals Vorstandschef des Anlagenbauers Techint. An jenem schlimmen, heißen Sommertag hätte er es sich wohl in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, eines Tages den Thron beim mehrheitlich staatlichen Stromgiganten Enel zu besteigen. Mit der heutigen Übernahme des Chefpostens hat Scaroni den Gipfel der Macht erreicht. Denn neben Enel spielen nur wenige italienische Unternehmen, wie der Autobauer Fiat, der Mineralölkonzern Eni, die Versicherung Generali und vielleicht die Telecom Italia, in der Weltliga mit.

Die Flecken auf der weißen Weste haben Scaroni also nicht geschadet. Gründe dafür gibt es viele: Erstens gab es nur wenige Top-Manager südlich des Brenners, die damals nicht in dem Schmiergeldsumpf namens "Tangentopoli" steckten. Auch der langjährige Fiat-Präsident Cesare Romiti musste sich wegen ähnlicher Anschuldigungen vor Gericht verantworten. Zweitens ist der hoch gewachsene und gar nicht italienisch aussehende Scaroni ein außergewöhnlich fähiger Manager.

Erfolg beseitigt moralische Zweifel

Dass sein fachliches Können alle moralischen Zweifel übersteigt, haben die einstimmig positiven Reaktionen auf seine Berufung bewiesen. Sogar der oppositionelle Ex-Finanzminister Vincenzo Visco begrüßte die Ernennung Scaronis zum Enel-Chef. Und das, obwohl Visco bislang noch an keiner Entscheidung der Regierung Berlusconi ein gutes Haar gelassen hat.

Scaronis Erfolgsbilanz ist eindeutig. Er ist einer der ganz wenigen italienischen Manager, die es auch jenseits ihrer Landesgrenzen zu etwas gebracht haben. Er spricht vier Sprachen fließend. Seine Erfahrungen bei der Beratungsfirma McKinsey setzte er in seiner langjährigen Tätigkeit für den französischen Baustoffmulti Saint Gobain glänzend um. In den vergangenen fünf Jahren hat er aus dem lahmenden britischen Traditionsunternehmen Pilkington den effizientesten Glashersteller der Welt geformt. Das hat den Vater dreier Kinder zu einem Liebling der Londoner Finanzszene gemacht.

Ihm eilt der Ruf eines knallharten "Cost-Cutters" voraus. Bei Pilkington reduzierte er die Zahl der Arbeitsplätze um ein Drittel auf unter 30 000. In derselben Zeit verdoppelte er den Unternehmensgewinn. Als Chef der Glassparte von Saint Gobain schmiss er zwei Drittel der Belegschaft raus. Das mag herzlos klingen, doch versteht sich Scaroni nicht nur auf das Feuern von Personal: Pilkington hat er nicht zuletzt durch massive Investitionen in Forschung und Entwicklung wieder auf die Erfolgsspur gebracht. 1997, gerade im Amt, sagte er: "Ich brauche mehr Hirne und weniger Arme."

Arbeitstier aus dem Hinterland

Wie viele Menschen aus seiner Heimat, dem Hinterland von Venedig, ist auch Scaroni ein Arbeitstier: "Wer mich dabei beobachtet, was ich jeden Tag mache, erklärt mich für verrückt." Geld spielt für den geschickten Kommunikator, der gern bei gesellschaftlich-mondänen Ereignissen auftaucht, eine untergeordnete Rolle. Bei Pilkington erregte er Aufsehen, da er kein Gehalt forderte, sondern ausschließlich auf Aktienoptionen setzte. Grund: Sein ganzes Tun will er stets an seine persönliche Leistung koppeln. Motto: "Erfolg ist die echte Freiheit!"

Bei Enel wartet eine große Herausforderung auf Scaroni. Der ehemalige Strommonopolist muss sich künftig auf verstärkte Konkurrenz einstellen. Man darf damit rechnen, dass Scaroni das Sparprogramm seines Vorgängers Franco Tatò verschärfen wird. Unklar ist, ob er dessen Strategie, Enel zu einem Multi-Versorger umzubauen, übernehmen wird.

Bislang ist nur bekannt, dass er den Unternehmenswert von 40 Milliarden Euro steigern will. Die Märkte trauen ihm das zu. Als sein Wechsel bekannt wurde, stiegen Enel-Aktien um zwei Prozent, Pilkington-Papiere brachen um sechs Prozent ein. Klare Worte findet die Investmentbank SSSB: "Für die Glaubwürdigkeit und den Aktienkurs Pilkingtons ist dies ein schlechte Nachricht." Die italienische Regierung als Großaktionär von Enel wird?s mit Vergnügen vernehmen.

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