Papademos: Keine Deflationsgefahr
EZB stellt Zinssenkung in Aussicht

Die Europäische Zentralbank (EZB) stellt sich wegen zunehmender Preisstabilität auf eine Zinssenkung ein. Die Gefahr einer Deflation mit dauerhaft rückläufigen Preisen und sinkender Nachfrage ist nach Ansicht von EZB-Vizepräsident Lucas Papademos allerdings auch in Deutschland sehr gering.

HB/dpa FRANKFURT/MAIN. Sämtliche Prognosen auch des Internationalen Währungsfonds (IWF) rechneten für 2004 in Euroland mit einer durchschnittlichen Preiserhöhung von etwa 1,5 %, sagte Papademos am Montagabend im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten.

Für Deutschland sieht der griechische Notenbankpolitiker nur eine "sehr geringe Wahrscheinlichkeit" für ein Abrutschen in die Deflation. Entsprechende Befürchtungen waren aufgekommen, nachdem die jährliche Teuerungsrate hier zu Lande im Mai auf 0,7 (Vormonat: 1,0) Prozent abgesackt war. Die Gefahr für Deutschland wäre allerdings größer, wenn die wichtigste Volkswirtschaft derzeit allein stünde und nicht Mitglied der Währungsunion wäre.

Die derzeit niedrige Inflation stärkt laut Papademos jedoch die Wettbewerbsposition der deutschen Exportwirtschaft gegenüber den Nachbarländern. Gegen nachhaltige Preisrückgänge sprächen aber auch immer noch steigende Löhne und Dienstleistungspreise. Im unerwarteten Extremfall werde die EZB aber rechtzeitig reagieren, um eine Deflation zu bekämpfen. Schließlich sei man in Euroland noch weit weg von einem Null-Zinsniveau, betonte Papademos.

Während vor allem in Deutschland hitzig über Deflation debattiert wird, sondiert die EZB sämtliche verfügbare Daten, um die Inflation mittelfristig einschätzen zu können. Der starke Euro und die schwache Konjunktur stärkten die Hoffnung, dass die jährliche Teuerungsrate im Euroraum 2004 unter der Ziellinie von 2 % liegen werde, betonte der EZB-Vizepräsident. Diese Aussage werten Beobachter als Signal für eine Senkung der Leitzinsen bereits Anfang Juni um 0,25 %punkte auf dann 2,25 %.

Die europäischen Währungshüter rechnen erst in der zweiten Jahreshälfte mit einer allmählichen Erholung der Konjunktur. Dieser positive Trend werde sich 2004 voraussichtlich verstärken. Da die weltweite Nachfrage eher verhalten einzuschätzen sei, erwartet Papademos die entscheidenden Impulse von der Binnenkonjunktur. Sinkende Ölpreise und geringe Inflation erhöhten die Kaufkraft der privaten Verbraucher. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum für Euroland könnte im laufenden Jahr knapp unter 1 % liegen.

Die Diskussion über einen angeblich überschießenden Euro-Kurs gegenüber dem Dollar hält der Zentralbank-Vizepräsident für übertrieben. Vielmehr sei der Außenwert der Gemeinschaftswährung in der Vergangenheit - im Verhältnis zu den fundamentalen volkswirtschaftlichen Daten - eher unterbewertet gewesen. Der aktuelle Kurs bewege sich nun wieder auf dem Ausgangsniveau von Anfang 1999. Dies entspreche auch dem langjährigen Durchschnitt der Kursrelation zur amerikanischen Währung.

Trotz der bekundeten Bereitschaft, die Geldpolitik zu lockern, mahnte Papademos die europäischen Regierungen, damit würden die strukturellen Probleme in den Staatshaushalten nicht gelöst. Insbesondere in Deutschland hingen die mittel- und langfristigen Wachstumsperspektiven davon ab, die notwendigen Strukturreformen anzupacken.

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