Papiere im, am und aus dem Geld
Heiße Scheine unter Kontrolle bringen

Beim Optionsscheinhandel fällt das Setzen von Stop-Loss-Marken noch schwerer als bei Aktien. Profis sagen, was Anleger zu diesem Thema wissen sollten.

qdt FRANKFURT. Das Glück schien ihm hold: Ein Anleger hatte beim Handel mit Optionsscheinen mehrere Monate lang Geld verdient. Doch dann kam der Absturz: Mit einem Mal stand er mit 100 000 DM in den roten Zahlen. Dass er sich mit Stop-Loss-Marken vor so einem Einbruch hätte schützen können, erfuhr der Anleger zufällig von einem Arbeitskollegen, nicht etwa von seiner Bank. Er vereinbarte ein Beratungsgespräch, setzte daraufhin Stop-Marken - doch zu nahe am aktuellen Optionsscheinkurs. Bereits einen Tag später wurde der Verkauf ausgelöst. Unmittelbar danach zog der Optionsscheinkurs kräftig an. Der Fall landete bei der Kanzlei Tilp & Kälberer aus Kirchentellinsfurt bei Tübingen. Pechter erhielt Schadenersatz wegen unzureichender Beratung - immerhin 70 Prozent der Verlustsumme.

Der Umgang mit Stop-Loss-Marken bereitet manch einem Anleger Probleme: Das gilt für den Optionsscheinhandel in noch stärkerem Maße als für das Aktiengeschäft. Einige Investoren fällt es ja bereits bei stark schwankenden Wachstumstiteln schwer, Stops zu definieren, oder sie setzen sie zu eng und stellen überrascht fest, ausgebremst worden zu sein. Das gilt erst recht für Optionsscheine (in der Fachsprache: Warrants), die in der Regel stärker als die zu Grunde liegenden Aktien schwanken. Und mangelhafte Aufklärung der Banken über Stop-Loss-Orders bei Optionsscheingeschäften sei kein Einzelfall, berichtet Kälberer.

So ist Anlegern oft nicht bewusst, dass Stops bei Warrants anders ausgelöst werden als bei Aktien, die nach Unterschreiten der Marke zum nächstmöglichen gehandelten Kurs verkauft werden. In vielen Optionsscheinen findet überhaupt kein Umsatz statt. Allerdings stellen die Emittenten bei Bedarf Kauf- und Verkaufskurse. Um einen Stop-Loss-Auftrag auszulösen, generiert der Makler künstlich Umsatz, erklärt Stefan Bickelhaupt von der Handelsüberwachungsstelle (Hüst) in Frankfurt. Der Makler verkaufe dem Emittenten die Optionsscheine, sobald der Kurs der Scheine das Stop-Loss-Niveau erreicht oder durchschlagen habe. Dann rechne er die Scheine des Anlegers zum selben Kurs ab, sagt Bickelhaupt.

Dieser Service sei aber nur an maklergestützten Plattformen wie etwa im Parketthandel in Frankfurt oder an der Optionsscheinbörse Euwax in Stuttgart möglich. Allerdings gebe es keinen Rechtsanspruch der Anleger darauf, erklärt Optionsscheinexperte Erik Liesenberg von Goldman Sachs.

Bevor Investoren Stops bei einem bestimmten Optionsscheinkurs setzen, sollten sie sich überlegt haben, welche Warrant-Strategie sie fahren wollen. Bei weniger riskanten Strategien können die Anleger die Stops enger setzen, ohne Gefahr zu laufen, schnell aus dem Markt fliegen.

Oft ist es aber auf den ersten Blick schwer zu erkennen, wie riskant die Papiere sind. Dazu ein Beispiel: Wer sich sorgt, die Entwicklung der erwarteten Schwankungsbreite des Aktienkurses (der Volatilität) falsch einzuschätzen, erwirbt Kaufoptionsscheine (Calls), die tief im Geld liegen, also einen hohen inneren Wert haben (siehe Glossar). In diesem Fall notiert der aktuelle Kurs über dem festgelegten Basispreis, den der Käufer bei Ausübung seines Optionsrechts zahlen muss. Die Scheine sind zwar teurer als solche, die aus dem Geld liegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Anleger mit Papieren im Geld Gewinne macht, ist hoch; es ist ja schon zum jetzigen Zeitpunkt möglich, die Aktie über den Call günstiger als an der Börse zu kaufen. Wer Papiere mit geringer Laufzeit wählt, hat gute Chancen, dass sich der Aktienkurs bis zur Fälligkeit über dem Basispreis hält.

Der innere Wert ist allein abhängig von der Differenz des Basispreises und des aktuellen Aktienkurses. Die Volatilität wirkt sich nur auf den Zeitwert aus. Scheine im Geld - mit einen hohen inneren Wert und einen niedrigen Zeitwert - sind daher nur in geringem Maße von der Entwicklung der Volatilität abhängig. Wenn Anleger Stop-Loss-Marken setzen wollen, müssen sie nicht abschätzen können, wie sich die künftige Schwankungsbreite des Aktienkurses entwickeln wird.

Doch Investoren sollten nicht glauben, das Setzen von Stop-Marken sei leichter bei Scheinen im Geld. Der Grund: Diese Papiere reagieren generell stärker auf Veränderungen des aktuellen Aktienkurses als Papiere, die aus dem Geld liegen.

Auch Papiere am Geld, bei denen der aktuelle Kurs in der Nähe des Basispreises liegt, schwanken stark. Anleger sollten die Stop-Marken bei diesen volatilen Papieren weiter setzen als bei anderen. Und die Nerven behalten. Aber gute Nerven sollten Optionsscheinanleger ja ohnehin haben.

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