Papst-Besuch in Bayern
Rückkehr zur Mission

Zum ersten Mal nach seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche kommt Joseph Ratzinger nach Bayern. Der deutsche Papst besucht die vertrauten Stätten seiner Jugend, und Hunderttausende empfangen ihn. Für Papst Benedikt XVI. ist der Besuch auch eine Rückkehr in die eigene Innerlichkeit und ein Stück Privatheit.

MÜNCHEN. Auf einmal ist München richtig Hauptstadt, nicht mehr nur die vergessene heimliche im Schatten Berlins: Die Gebirgsschützen salutieren, die Gamsbärte wippen, die Blasmusik schmettert, die Bürger jubeln. Der weißmähnige Ministerpräsident ist ein aufrechter Herr, der weiß, wie vor dem Papst das Haupt zu neigen ist. Daneben fremdelt die bemüht lächelnde Bundeskanzlerin: Ihre schwarz-rot-goldenen Farben sind das nicht, weiß-gelbe Fahnen flattern mit den weiß-blauen unter ebensolchem Himmel in schönster Harmonie. Wie ein um Kredit bangender Sparkassendirektor wirkt Bundespräsident Horst Köhler, der meint, Ökumene einfordern zu müssen und Versöhnung mit dem Islam.

Doch bemüht vorgebrachte politische Korrektheiten lächelt Papst Benedikt weg. Im milden Licht des Altweibersommers klingt es eher wie Abschiednehmen: "Noch einmal die vertrauten Stätten besuchen" will Benedikt . Es ist nicht die Rückkehr zum Aufbruch, wie es die Reisen seines Vorgängers ins heimatliche Polen waren: massenwirksame Fanale, die das Zerfallen der kommunistischen Regimes beschleunigten. Diesmal ist es Innerlichkeit und ein Maß an Privatheit bis an die äußerste Grenze des protokollarisch Möglichen: Denn der Stellvertreter Christi hat keine Privatheit; Gott kennt keinen Acht-Stunden-Tag, und das Staatsoberhaupt des Vatikans hätte eigentlich doch der richtigen Hauptstadt die Reverenz erweisen müssen.

Es klingt, als ob er sich zu einer Rolle als Übergangspapst bekennen würde: "Ich bin ja ein alter Mann, und wie viel Zeit der Herr mir noch gibt, weiß ich nicht", sagt er im Flugzeug, und das gesamte Programm ist darauf abgestimmt. Daher werden die Lieder gesungen, die ihm in seiner Kindheit die Schönheit der Liturgie nahe brachten, nicht die pseudomodernen Klingspiele wie auf dem Weltjugendtag in Köln. Und deshalb singt Benedikt XVI. sichtlich bewegt mit, Strophe für Strophe und die Augen geschlossen: "Großer Gott, wir loben Dich". In diesem Einssein liegt dann doch eine Botschaft: Indirekt kritisiert er die deutsche katholische Kirche, die sich mehr für soziale als für missionarische Projekte einsetze. "Die Völker Afrikas und Asiens bewundern zwar die technischen Leistungen des Westens und unsere Wissenschaft, aber sie erschrecken vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man auch ihren Kulturen beibringen will."

Das klingt anders als in seinem ersten Lehrschreiben unmittelbar nach der Papstwahl - da hatte er noch die Caritas als die zweite Seite der Medaille beschrieben. Jetzt beklagt er die "Schwerhörigkeit Gott gegenüber" und fordert seine deutschen Bischöfe auf, über soziale Projekte hinaus die Evangelisierung zu unterstützen, weil Jesus Christus "die Herzen umkehren muss, damit auch die sozialen Dinge vorangehen".

Die Menschen in Bayern empfangen ihn mit Verständnis dafür, dass das strenge Protokoll dann doch verhindert, etwa Traunstein zu besuchen, jene Stadt die er selbst seine "Vaterstadt" und "wahre Heimat" nennt: Die eigens gespendete "Benediktglocke" für sein früheres Studienseminar St. Michael läutet als Leihgabe auf dem Feldgottesdienst in München-Riem. Und Bruder Erich serviert Kalbstafelspitz mit Wirsinggemüse und Salzkartoffeln: Das kocht er sonst im Klostergasthof von Maria Eck bei Traunstein, wo ein gewisser Josef Ratzinger früher bei den Franziskanern zu urlauben pflegte. Von der dortigen Linde aus geht der Blick weit über den Chiemgau, nach Traunstein, über Tittmoning, wo er die frühe Kindheit verbrachte, bis, wenn die Luft besonders klar ist, hinüber zum Inn, nach Altötting und vielleicht sogar bis zum Geburtsort Marktl.

Der Papst, der Panzerkardinal, der scharfsinnige Theologe - er ist jetzt hier, wo er Mensch sein durfte. Die Rückkehr ins Paradies der Kindheit könnte dann doch der Ausgangspunkt für sein Pontifikat sein.

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