Paradigmenwechsel in der Softwareindustrie
SAP und Microsoft gegen den Rest der Welt

Eine Rezession fegt schwache Unternehmen aus dem Markt, und gesunde gehen aus der Krise gestärkt hervor. So weit die marktwirtschaftliche Theorie. Doch was, wenn sich - wie im Fall der Softwareindustrie - parallel zu konjunkturellen Einbrüchen bei Kunden ein Paradigmenwechsel vollzieht, der selbst Technologieführer zu verschlingen droht?

So kehren immer mehr Unternehmenskunden der lange favorisierten Praxis den Rücken, für unterschiedliche Aufgabenstellungen wie Personal, Marketing oder Einkauf die jeweils technologisch beste Softwarelösung von unterschiedlichen Herstellern einzusetzen. Denn in der Praxis hat sich das Zusammenfügen der einzelnen Komponenten und Datenquellen als kostspielige und Zeit raubende Angelegenheit entpuppt. Statt solcher "Best of Breed"-Lösungen wollen Unternehmen inzwischen - wenn sie nicht gleich ganze IT-Prozesse outsourcen - lieber alles aus einer Hand. Die Folge: Vor zwei Jahren noch in ihrem Segment führende Softwarehäuser wie Siebel Systems im Bereich der Kundenmanagement-Lösungen, I2 im Bereich der elektronischen Beziehung zu Zulieferern oder Peoplesoft im Bereich der Personalwirtschaft haben zunehmend Probleme, sich auf dem Markt gegen Softwareriesen wie SAP, Oracle oder Microsoft durchzusetzen.

Dabei liegt der strategische Vorteil der Softwareriesen nicht unbedingt in ihrer technologischen Überlegenheit oder den besseren Produkten, sondern in ihrem breiten Kundenstamm. So steuern heute weltweit 18 000 Unternehmen ihre innerbetrieblichen Abläufe mit Software der Walldorfer SAP. Diese Kundenbasis nutzt SAP, um in neuen Softwaremärkten der Unternehmensgrenzen überschreitenden Anwendungen wie Customer Relationship Management (CRM) oder Supply Chain Management (SCM) Fuß zu fassen. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten der Microsoft-Strategen, deren Vorgehen bei der Durchsetzung des Programms "Internet Explorer" als Standard für die Internetnutzung inzwischen die Gerichte beschäftigt.

Dazu kommt die Kapitalkraft von Konzernen, die es sich - wie im Fall IBM - leisten können, kurzerhand eine Milliarde Dollar in die Entwicklung des Betriebssystems Linux zu stecken und dadurch einen Markt erst zu schaffen, um ihn dann selbst zu besetzen. Wie die Ergebnisse des ersten Quartals in der Branche erahnen lassen, wird der Weg in den nächsten Monaten auch für die großen Softwarekonzerne nicht mit Rosen gepflastert sein. Doch sollten beim Anspringen der IT-Ausgaben im nächsten Jahr die Softwareunternehmen aus der zweiten Reihe wie Peoplesoft, Broadvision, I2 oder ATG nicht überproportional viele Lizenzen verkaufen, wird es für sie eng.

So steckt hinter der von den Branchengrößen - mit Ausnahme Oracles - selbstlos propagierten Öffnung ihrer Plattformen für die Zusammenarbeit mit den Programmen der Konkurrenten ein gutes Stück Scheinheiligkeit. Denn das erleichtert nicht nur den Zugang zu den Kunden der Konkurrenz, sondern macht auch die Übernahme lukrativer Spezialisten einfacher.

Solange die Kartellrichter noch tagen, bleiben Microsoft aus politischen Gründen die Hände gebunden. Doch Barmittel in Höhe von rund 38 Mrd. $ würden ausreichen, um Peoplesoft, Siebel, I2 und J.D. Edwards gleichzeitig zu kaufen. Und es blieben immer noch 15 Mrd. $ in der Kasse.

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