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«Paraiso»: Einblicke in Kubas Alltag zu spritziger MusikDPA-Datum: 2004-07-19 14:01:39

Hamburg (dpa) - Kuba und die kubanische Musik erleben in diesem Jahr ein überraschendes Kino-Comeback. Fünf Jahre nach dem unerwarteten Erfolg von Wim Wenders' «Buena Vista Social Club» über Havannas Musik-Veteranen kommen mit zwei Monaten Abstand gleich zwei neue Kuba-Musikfilme in die deutschen Kinos.

Hamburg (dpa) - Kuba und die kubanische Musik erleben in diesem Jahr ein überraschendes Kino-Comeback. Fünf Jahre nach dem unerwarteten Erfolg von Wim Wenders' «Buena Vista Social Club» über Havannas Musik-Veteranen kommen mit zwei Monaten Abstand gleich zwei neue Kuba-Musikfilme in die deutschen Kinos.

In beiden geht es diesmal um junge kubanische Musiker. Und doch könnten sie kaum unterschiedlicher sein: Ein 200 000-Euro-Film, zum Teil aus Kostengründen mit der Videokamera gedreht, tritt an gegen eine Vier-Millionen-Euro-Produktion, die sich auch noch mit dem Namen von Wim Wenders schmücken darf. Der David gegen den Goliath der Kuba-Filme sozusagen.

Den Anfang macht am 22. Juli der kleinere Rivale «Paraiso», ein Streifen, der auf dem Enthusiasmus von Regisseurin Alina Teodorescu gewachsen ist. Mit zu einem großen Teil geliehenem Geld (bisher noch nicht zurückgezahlt) und einem Mini-Team reiste sie vergangenen Herbst für zwei Monate nach Kuba und brachte aus Guantanamo einen Film über die Band «Madeira Limpia» mit - eine von tausenden Musikgruppen, in denen sich junge Kubaner Luft in dem rigiden Klima von Fidel Castros real existierendem Sozialismus verschaffen. Der zweite Streifen, «Musica Cubana», startet unter dem Banner «Wim Wenders präsentiert» im September.

Das Konzept der beiden Filme ist grundverschieden: Während «Paraiso» die jungen Musiker durch ihren Alltag in der tristen kubanischen Provinz begleitet, stellt «Musica Cubana» mehrere verschiedene Künstler vor und gleicht eher einer Abfolge von Videoclips, versetzt mit kleinen Interviews und zusammengehalten von einer kleinen Geschichte um einen Taxifahrer, der Bandmanager werden will. Pikantes Detail: «Madeira Limpia» waren auch zum Casting für «Musica Cubana» eingeladen, wurden aber nicht genommen.

Jetzt haben sie mit «Paraiso» einen eigenen Film - und auch noch ihre allererste CD als Film-Soundtrack. Die Platte erschien natürlich nur in Europa und musste erst von mitreisenden Bekannten nach Kuba mitgenommen werden, damit die Musiker sie selbst in die Hand nehmen konnten. Weitab von der offiziellen staatstragenden Kunst singen sie über den Alltag auf Kuba: Liebe, Eifersucht, reiche Ausländer, die die schönsten Frauen wegschnappen, Langeweile, Armut, Hoffnung auf ein besseres Leben, aber auch ein unbändiger Spaß, einer von der Sorte, wie er oft als Trotzreaktion auf Ausweglosigkeit entsteht. Alles in einem rasanten spanischen Rap gemischt mit heißen Karibik- Rhythmen. Musik von der Straße für die Straße.

Vom Genre her ist «Paraiso» auf den ersten Blick mehr ein Dokumentarfilm - mit Bildern von zerfallenden Häusern, armseligen Wohnungen, schrottreifen Autos und kaum noch befahrbaren Straßen. Aber der Mittelpunkt des Films sind die Menschen: Junge, hoffnungsvolle, stolze, offene, auf eine besondere Weise naiv-unschuldige Männer und Frauen, die von ihrem Leben erzählen.

Da sind die Jungs, die über den harten Alltag sprechen und mit ihren vielen Frauen prahlen - «man ist eben Macho». Da sind ihre Freundinnen, die sich darüber beklagen, dass kein Mann treu sein kann und dass sich die Mädchen zu leicht von den Reichen kaufen ließen. Alles in allem fügt sich das zu einem authentischen und poetischen Bild von einem Land, das mit dem Bröckeln des kommunistischen Regimes vor einem gewaltigen Umbruch steht. Und mit der spritzigen Musik vergisst man dann auch, dass es sich nur um einen Dokumentarfilm handeln soll.

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