Parallelen zwischen USA und Japan
Den Bären am Markt geht die Luft aus

1 065 Punkte hat der Deutsche Aktienindex (Dax) in der Spitze seit drei Monaten gewonnen - fast 50 %. Der breiter gefasste US-Index S&P 500 stieg um 28 %. Doch Charttechniker warnen. Auch in Japan gab es viele Erholungsrallys in einem sinkenden Aktienmarkt. 1995/96 etwa legte der Nikkei um über 60 % zu. Dennoch ist er seit 1990 um über drei Viertel gesunken.

FRANKFURT/M. Aus historischer Sicht ist Vorsicht angebracht. Denn Gerald Huber, Chartexperte der Bayerischen Landesbank, erschuf ein Bild des Grauens, als er die Kursverläufe der Leitindizes Japans und der USA, Nikkei-225 und S&P-500, zeitversetzt um elf Jahre übereinander legte. Huber sagt: "Ein Blick nach Japan lässt es als fraglich erscheinen, dass der Bärenmarkt schon abzuhaken ist." Wer die Grafik betrachtet, kann dies nicht als Irrwitz eines Charttechnikers abtun.

Genau das tut aber die Mehrzahl der Investoren - und die Indizes eilen seit März weltweit von Hoch zu Hoch. Konjunktur- und Deflationssorgen werden in Europa ebenso beiseite gefegt wie in den USA die defizitäre Haushaltspolitik und alarmierende Arbeitsmarktdaten. Lange war die Stimmung nicht mehr so positiv. Der Prozentsatz negativer US-Börsenbriefe ist mit 20,7 % auf ein Rekordtief gesunken - Stimmungsindikatoren sind häufig zuverlässige Kontraindikatoren. Und die US-Manager, die den besten Einblick haben müssen in den Zustand des Geschäftsverlaufs, verkaufen auf hohem Niveau Aktien ihrer Unternehmen - sie rechnen offenbar mit sinkenden Kursen.

Wohin geht also der Weg der Börsenbarometer - weiter aufwärts oder langfristig abwärts wie es die "Nikkei-Variante" vermuten lässt. "Es wäre fahrlässig, die Augen vor den Parallelitäten zwischen Japan und den USA zu verschließen", warnt Eberhard Weinberger von der Vermögensverwaltung Dr. Jens Ehrhardt Kapital. Tatsächlich platzte in Japan die Aktienblase 1990, in den USA im Jahr 2000. Japan steckt seit Jahren in der Deflation. In den USA regte Fed-Chef Alan Greenspan die Diskussion über Deflation in der vorvergangenen Woche an.

Klaus Schrüfer, Chef-Anlage-Stratege der SEB, sieht dennoch mehr Unterschiede als Parallelen: "Erstens gibt es in den USA anders als in Japan vor einigen Jahren keine Blase am Immobilienmarkt." Auch sei das amerikanische Bankensystem weitaus stabiler. Drittens unterschieden sich die demographischen Entwicklungen. "In den USA beobachten wir ein kontinuierliches Bevölkerungswachstum. Das führt zu natürlichem Nachschub beim Konsum." Japans Bevölkerung schrumpft. Viertens hätten die USA schneller und entschiedener reagiert als Japan, das die Strukturkrise zu lange geleugnet hätte. Deshalb ist Schrüfer zuversichtlich, dass die parallele Entwicklung von S & P und Nikkei bald ein Ende finden sollte und sich die US-Aktienmärkte langfristig nach oben orientieren sollten.

Auch Weinberger ist zunächst grundsätzlich optimistisch, warnt aber davor, zu blauäugig in die Zukunft zu blicken: "Die Gretchenfrage ist: Werden die immensen Stimulationsbemühungen für die US-Wirtschaft fruchten? Werden die Pferde saufen? Wasser wäre genügend da." Weinberger meint das historische Konjunkturprogramm der USA. Seit Anfang 2001 wurden unter anderem die Leitzinsen von 6,5 % auf 1,25 % gesenkt. Steuererleichterungen in dreistelliger Milliardenhöhe wurden verabschiedet. Die Dollarschwäche wird begünstigt, um den Schuldenabbau der USA zu erleichtern und exportorientierte Unternehmen zu fördern. Im Gegensatz dazu hat Japan jahrelang eine Politik des starken Yens verfolgt. "Doch gebracht haben die Bemühungen der USA bislang wenig", sagt Weinberger. "Solange nicht die Unternehmen wieder kräftig investieren, wird es keinen Konjunktur- und damit auch keinen fundamental unterlegten Börsenaufschwung geben." Zuletzt war das Nettoinvestitionsaufkommen in den USA negativ.

Die Märkte setzen beim derzeitigen Kursanstieg aber auf eine anspringende Konjunktur in diesem Jahr. "Sollte dies ausbleiben, könnte das fragile System in den USA bröckeln", warnt Weinberger. Sinken die Weltleitbörsen in den USA, können sich die restlichen Börsen selten entziehen. US-Experte Karl Strohmeier von der Landesbank Baden-Württemberg schöpft Hoffnung aus dem "leichten Aufwärtstrend" bei den Aufträgen für langlebige Investitionsgüter. Auch Schrüfer ist optimistisch: "Die Erholung in den USA wird - wenn auch nicht von heute auf morgen - kommen, und dies sollte die Märkte vor Einbrüchen an der Börse bewahren."

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