Parität zum Dollar in weiter Ferne
Chefvolkswirte befürchten neue Tiefstände für den Euro

dpa BERLIN. Ein halbes Jahr vor der Einführung des Euro als alleiniges Zahlungsmittel befürchten Finanzexperten ein weiteres Kurstief der Gemeinschaftswährung zum Dollar. Nach einer Umfrage der "Berliner Zeitung" unter den Chefökonomen von sechs führenden Banken in Deutschland rückt die bis vor kurzem für möglich gehaltene Parität zum Dollar inzwischen in weiter Ferne. Unterdessen fordern vier prominente Euro-Skeptiker - Wilhelm Nölling, Karl-Albrecht Schachtschneider, Joachim Starbatty und Wilhelm Hankel - eine Bundestagsdebatte über die Euro-Lage.

Am Montag konnte der Euro etwas zulegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 0,8513 (Freitag: 0,8478) $ fest. Der Dollar kostete damit 2,2975 (2,3069) DM. Das historische Tief lag bei 0,8252 $ am 26. Oktober vergangenen Jahres. Gestartet war der Euro Anfang 1999 mit 1,17 $.

Der Euro profitierte von einer möglichen kursstützenden Intervention der Europäischen Zentralbank. Händler an der Frankfurter Börse rechnen nach der Rede des EZB-Präsidenten mit solch einer Maßnahme. Duisenberg hatte vor Zentralbänkern und Mitgliedern des Internationalen Währungsfonds in Singapur das starke Potenzial der europäischen Gemeinschaftswährung betont. Marktteilnehmer in Fernost erwarteten außerdem, dass die Finanzminister der Euro-Zone bei ihrem Treffen am Montagabend in Luxemburg eine offizielle Aussage treffen, um den Fall des Euro zu stoppen.

"Erheblicher Spielraum nach unten"

"Historische Vergleiche lassen noch erheblichen Spielraum nach unten zu", sagte Thomas Mayer von der Investmentbank Goldman Sachs der "Berliner Zeitung". Martin Hüfner von der Hypo-Vereinsbank sagte: "Das Risiko, dass der Eurokurs gegenüber dem Dollar weiter fällt, ist größer, als die Chance, dass er kurzfristig wieder ansteigt." "In der gegenwärtigen Marktstimmung ist das Risiko von neuen Tiefständen beträchtlich", meinte Michael Heise von der DG Bank. Ulrich Ramm von der Commerzbank sagte: "Ich erwarte auf Sicht der nächsten Monate nur eine mäßige Aufwertung des Euro." Norbert Walter von der Deutschen Bank sagte: "Alles ist möglich - auch neue Tiefstände." Klaus Friedrich von der Dresdner Bank erklärte: "Da die Konjunkturdelle ausgeprägter ist als erwartet, wird sich die Kurserholung des Euro wahrscheinlich verzögern."

Bundesbankpräsident und EZB-Ratsmitglied Ernst Welteke meinte im infoRadio Berlin-Brandenburg, die Interventionen der Notenbanken zu Gunsten des Euro im vergangenen Herbst seien erfolgreich gewesen. Insbesondere sei damals allen Zweiflern "gezeigt worden", dass die EZB in der Lage sei zu intervenieren und entsprechende Beschlüsse auch gefasst würden. "Wir Notenbanker sollten immer darauf hinweisen, dass Interventionen zum Instrumentarium gehören, aber nicht darüber reden."

In einem Brief an die Abgeordneten des Bundestages fordern die Professoren Nölling, Schachtschneider, Starbatty und Hankel, das deutsche Parlament müsse sich noch vor der Bargeldeinführung mit dem Abstieg des Euro an den Devisenmärkten beschäftigen. In dem Schreiben - aus dem die "Welt am Sonntag" zitiert - wird beklagt, "dass der Deutsche Bundestag als Sachwalter der Sorgen unserer Bevölkerung und der Interessen Deutschlands diese Probleme überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt."

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