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Parken in London

First things first! Zurück aus dem Urlaub führt mich der Weg direkt ins Containerbüro der Parkerlaubnisverwaltung der Londoner Stadtgemeinde Ealing.



First things first! Zurück aus dem Urlaub führt mich der Weg direkt ins
Containerbüro der Parkerlaubnisverwaltung der Londoner Stadtgemeinde
Ealing. Der Antrag auf Verlängerung des (jährlichen) "Residential
Parking Permits" ist, nach mehrwöchiger Prüfung abgelehnt worden.
Unvollständige Unterlagen. Handeln tut not. Denn ohne Parkerlaubnis ist
der Londoner Autobesitzer nichts. Nur die Plakette, mit
fälschungssicherem Hologramm, erlaubt, das Familienauto legal auf die
vollgepackten Straßen der Parkzone K zu stellen - sofern sich ein
Plätzchen findet. Für ca. 80 Euro im Jahr ist das ein preiswertes
Vergnügen, verglichen mit den anderen Leistungen der Kommune, die menem
Haushalt jährlich fast 3000 Euro Gemeindesteuern abknöpft. Viel billiger
jedenfalls als die hohen Strafzettelstrafen. Immerhin haben die
englischen Kommunen seit Labours Regierungsantritt ihre Einnahmen aus
Strafzetteln für falsches Parken bereits um 71 Prozent gesteigert. Im
Finanzjahr 2004/5 kletterten sie zum erstenmal auf über 1 Milliarde
Pfund und der Parkerlaubniskontrolleur oder Traffic Warden in unserer
Straße hat zu diesem Erfolg nach Kräften beigetragen.

Nun scheiterte die schriftlich beantragte Erneuerung des Permits, weil
mir wieder einmal der Beweis missglückt war, dass ich auch tatsächlich
an der angegebenen Adresse wohne. Auch bei ungewöhnlich langer
Wohnorttreue muss der Nachweis jährlich frisch und aktuell erbracht
werden. Solche Erlaubnisscheine sind wie Goldbarren und werden mit allen
Tricks erschlichen z.B. von Leuten, die nur in Bahnhofsnähe parken
wollen. Nur noch die Parkerlaubnis für Behinderte ist begehrter sie
garantiert den Parkplatz direkt vor dem Haus. Meine (eigentlich ziemlich
rüstige) Nachbarin Mary zum Beispiel ist um ihre Behindertenplakette so
besorgt, dass sie ihr Auto, dass sie praktisch nie benutzt, immer NEBEN
der markierten Behindertenbucht parkt um die Aufmerksamkeit nicht auf
die wertvolle Plakette zu lenken. Wenn ich in der Behindertenbucht
stehe, schlagen sie mit die Scheibe ein und stehlen die Plakette,
erklärt sie mit unschlagbarer Logik. So bleibt die Bucht, trotz größter
Parknot, leer. Aber ich schweife ab

Als Residenzbeweis, ich kennen die Litanei des Gemeindebeamten schon,
diene die Telefonrechnung oder der Bankauszug. Der Bankauszug, erklärte
ich streng, ist Vertrauenssache zwischen mir und meiner Bank. Die
Telefonrechnung kommt quartalsmäßig, taugt also nicht, denn der
Residenzbeweis muss aktuell vom letzten Monat sein. Gas und Strom wird
per Internet abgerechnet und gar nicht mehr schriftlich in Rechnung
gestellt.

Wir einigen wir uns auf den Kommunalsteuerbescheid. Immerhin wird er von
der gleichen Behörde ausgestellt, die Parkscheine verkauft und ist
deshalb über allen Verdacht erhaben - auch wenn die Steuerrechnung
ziemlich unbekümmert, ohne jede vorherige Wohnsitzkontrolle ausgestellt
wird. Natürlich hätte sich der Mann in zwei Minuten per Computer
überzeugen können, dass ich an der besagten Adresse meine Gemeindesteuer
zahle. Aber nein, ich muss persönlich vorsprechen

So führt mich der Weg 20 Minuten westwärts durch den stockenden Verkehr
in den Containerbüro-Komplex, der im Hof hinterm viktorianischen Rathaus
von Ealing aufgetürmt ist. Abgeschabter Teppichboden, schmutziges
Resopalwände, Schweißgeruch. Es gibt nur einen abgeschabten Ikea-Sessel
für die mindestens 30 Leute die hier warten. Lange Zeit betrachte ich
die Fussnägel des vor mir in der Schlange stehenden Sandalenträgers, ein
australischer Tramper und grüble nach, wozu der ein Parking Permit
braucht. Ein indischer Bauarbeiter mit Sicherheitshelm verhandelt die
ganze Zeit lautstark. Beim Abladen von Ziegelsteinen hat er einen
Strafzettel bekommen und will nicht bezahlen. Dann kopiert die Dame
hinterm Schalter das Original meines Steuerbescheids, klemmt ihn mit
einer Büroklammer säuberlich an den Permit Antrag, stellt eine Quittung
mit dreifachem Durchschlag für meinen Scheck über 45 Pfund aus und
drückt mir die kostbare Parkmautplakette in die Hand. Es geht wie am
Schnürchen. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig zum Auto - bevor die
Parkuhr vor dem Rathaus abgelaufen ist. Der Traffic Warden lauert schon.


Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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