Parlamentswahlen in Italien
Berlusconis Strohhalm

Der mysteriöse Fund von mehreren Hundert Stimmzetteln in Rom passt ins Weltbild Silvio Berlusconis: Der Ministerpräsident ist der festen Überzeugung, dass bei der Parlamentswahl nicht alles mit rechten Dingen zuging. Dabei werden laut Gesetz ohnehin alle Stimmen noch einmal gezählt. Es ist eine italienische Komödie, die Berlusconi seinen Landsleuten derzeit serviert.

MAILAND. Am Mittwoch wurden in Rom neben einer Mülltonne auf der Via Marco Decumio Kisten mit Hunderten von Stimmzetteln gefunden. Weggeworfen oder gefälscht, um das Ergebnis zu beeinflussen? Die Stimmen seien ausgezählt, die Zettel dann aber später versehentlich weggeworfen worden, teilten die Behörden später mit.

Trotzdem passt der mysteriöse Fund ins Weltbild des abgewählten Premiers: Silvio Berlusconi ist fest überzeugt, dass bei der Parlamentswahl am Sonntag und Montag nicht alles mit rechten Dingen zuging. Zumal die Koalition seines Herausforderers Romano Prodi den Sieg in der Abgeordnetenkammer nur mit 25 000 Stimmen Vorsprung holte.

Dieses Ergebnis, so der Regierungschef, kann nur durch Wahlbetrug zu Stande gekommen sein. "Es gibt so viele Neuigkeiten, so viele Machenschaften - ich bin zuversichtlich, dass sich das Ergebnis ändern muss", sagte Berlusconi gestern nach einem Gespräch mit Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi. Bereits am Dienstag hatte er vehement eine Nachzählung der Stimmen gefordert. Das Innenministerium in Rom hat inzwischen angeordnet, etwa 82 000 Stimmzettel zu überprüfen. Experten sollen entscheiden, ob diese tatsächlich ungültig sind oder einem der beiden politischen Lager zuerkannt werden müssen.

Laut Gesetz werden aber ohnehin alle Stimmen noch einmal gezählt, bevor das Endergebnis höchstrichterlich bekannt gegeben wird. Bisher wich das Ergebnis der Nachzählung zwar noch nie deutlich von den ersten Resultaten des Innenministeriums ab. Doch Berlusconi ist ein Kämpfer und gibt sich nicht geschlagen. Da hilft auch nicht der Aufruf des Ex-Staatspräsidenten Francesco Cossiga, Berlusconi solle endlich seinen Rücktritt einreichen und dem "Staatspräsidenten die Möglichkeit geben, Prodi mit der Regierungsbildung zu beauftragen". Auch der Ratschlag des Berlusconi wohlgesonnenen Chefredakteurs der Zeitung "Libero", Vittorio Feltri, geht ins Leere: "Ich verstehe ja, dass einen die Vorstellung ärgert, die Wahl wegen einer Hand voll Stimmen zu verlieren", sagte Feltri. Aber "wenn ich Premier wäre, hätte ich schon längst zum Telefonhörer gegriffen".

Selbst in der eigenen Koalition sollen vor allem Vertreter der Alleanza Nazionale und der Lega Nord Berlusconi zur Mäßigung aufgerufen haben. Doch der stellt sich taub und führt seinen Feldzug gegen das Wahlergebnis weiter. Dabei folgt der "Cavalliere" einer Doppelstrategie: Während er den Ausgang der Wahl anzweifelt, bietet er Prodi gleichzeitig eine große Koalition an.

Vom Spalter zum Versöhner? Noch in den letzten Tagen des Wahlkampfs hatte Berlusconi den Italienern über die Fernsehschirme eindringlich in die Augen geschaut und klargestellt: "Bei dieser Wahl geht es nicht um die Wahl der einen oder anderen Person. Hier geht es um die Wahl zwischen zwei gegensätzlichen Systemen, den Staat und die Gesellschaft zu verstehen." Doch das war Freitag. Am Dienstag klingen die Worte anders: "Wir müssen die Kräfte vereinen und im gegenseitigen Einverständnis regieren, denn ich glaube nicht, dass es dem Land gut tut, in diesem Klima von Hass weiterzumachen."

Eine Woche zuvor hatte er Linkswähler noch "Deppen" genannt. Prodi hat auf das Angebot, eine große Koalition zu schmieden, deshalb auch mit einem klaren "Nein" geantwortet. Die Politiker des Mitte-links-Bündnisses sind überzeugt, dass die Nachzählung ihren Sieg bestätigen wird, und rangeln bereits um Posten: So ist etwa der Postkommunist Fausto Bertinotti als Parlamentspräsident im Gespräch. Doch es wird noch etwas dauern, bis Personalentscheidungen fallen. Spätestens bis zum 28. April, wenn Abgeordnetenhaus und Senat erstmals zusammentreten, muss das amtliche Endergebnis vorliegen. Dann müssen die beiden Kammern zusammen Mitte Mai den neuen Staatspräsidenten wählen, der ein weiteres Mal Ciampi heißen könnte. Erst dann kann der neue oder alte Staatschef Prodi mit der Regierungsbildung beauftragen. Bis dahin ist noch viel Zeit für Polemik.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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