Partei des Verlierers John Kerry kann nur in den Randstaaten punkten
Demokraten suchen Neuanfang

Ein Blick auf die Landkarte - und das Desaster ist augenfällig. Amerika ist rot. Rot ist die Farbe der Republikaner. Wären da nicht die kleinen blauen Flecken im Nordosten und an der Pazifikküste, man könnte meinen, dieses Land sei für die Demokraten verloren. Eines jedenfalls ist seit dem Mittwoch unbestreitbar: Die Demokraten, über Jahrzehnte auch im Süden die tonangebende Partei, haben das ländliche, das christliche, das konservative Amerika verloren.

HB WASHINGTON.Und sie sind jetzt definitiv die Opposition. Im Weißen Haus ein konservativer Präsident, im Senat und im Repräsentantenhaus eine noch klarere republikanische Mehrheit.

Die Debatte über die Zukunft der Demokraten begann, noch bevor John Kerry seine Niederlage öffentlich eingestanden hatte. "Wir müssen uns jetzt die Zeit nehmen, uns der Sorgen der ländlichen und christlichen Familien anzunehmen", sagte Leon Panetta, Ex-Stabschef von Bill Clinton. In weiten Teilen des Landes würden die Demokraten nicht mehr als Partei Franklin D. Roosevelts wahrgenommen, der es verstanden hatte, den aufgeklärten Norden mit dem konservativen Süden zu versöhnen. Jetzt sehe man die Demokraten dort eher als Partei von Michael Moores "Fahrenheit 9/11".

Dass die Demokraten im ländlichen Amerika wieder Fuß fassen müssen, um mehrheitsfähig zu sein, steht außer Frage. Denn die Republikaner haben ihre Basis im Süden und Westen bei dieser Wahl sogar noch ausgebaut. Mit ihrer Werte-Kampagne und sehr starker Basisarbeit konnten sie die Mobilisierungserfolge der Demokraten kontern.

An der mangelnden Motivation der demokratischen Basis jedenfalls liegt es nicht. Das zeigt der Blick auf Washington, dem eng gezogenen Bezirk der Hauptstadt. Hier leben vornehmlich akademische und politische Eliten und vor allem Afro-Amerikaner, bereits vor vier Jahren holte Al Gore 85 Prozent aller Stimmen. John Kerry hat diese Ergebnis nun noch getoppt, er kam auf 90 Prozent, George W. Bush auf ganze neun. In vielen großen Städten gelang es den Demokraten, ihre Basis auszubauen. Doch das reichte nicht, um den Substanzverlust im ländlichen Amerika auszugleichen.

Peter D. Hart, angesehener Meinungsforscher auf demokratischer Seite, sieht hierin die entscheidene Aufgabe: "Bush hat immer und immer wieder von seinem Glauben gesprochen. Wir aber waren nicht wie er in der Lage, die fundamentalen Überzeugungen dieser Leute anzusprechen." Ed Rendell, Gouverneur von Pennsylvania und ehemaliger Parteichef der Republikaner, sieht das differenzierter: "Ich glaube, wir sind schon sehr sensibilisiert in moralischen Fragen. Aber wir als Demokraten sollten von familiären Werten reden, denn dann kann man von all den Dingen sprechen, die für Familien wirklich wichtig sind: Fragen wie Kinderbetreuung, Krankenversicherung." Redendell spricht damit indirekt das Dilemma der Partei an: Sie kann sich nicht zu weit nach rechts wenden, will sie nicht ihre liberale Basis gefährden.

Nach Ansicht von Kerry-Berater Douglas Sosnik muss die Erneuerung auf der Ebene der Bundesstaaten beginnen. "Wir müssen die Partei von der Basis her neu aufbauen." Dabei könnten die vor Ort gut verankerten Gouverneure eine wichtige Rolle spielen. Womit Sosnik bereits in der Personaldebatte steckt. Denn weder John Edwards, Kerrys potenzieller Vizepräsident, noch Hillary Clinton, ehemalige First Lady und Senatorin des Staates New York, haben administrative Erfahrung an der Basis sammeln können. Beide werden derzeit als mögliche Präsidentschaftskandidaten gehandelt. Clinton muss jedoch, will sie als ernsthafte Anwärterin gelten, ihre Wiederwahl als Senatorin 2006 schaffen. Gegen Edwards, den Anwalt aus dem Süden, spricht das schlechte Abschneiden der Partei gerade dort. Dass im ländlichen Amerika nicht alles verloren ist für die Demokraten, hat Ken Salazaar bewiesen, der im republikanisch gesinnten Colorado einen Senatssitz eroberte. Salazar ist Katholik, Rancher und ehemaliger Staatsanwalt, er tritt für das Recht auf Abtreibung ein, spricht aber andererseits offen von seinem Glauben. Mit dieser Mischung gelang es Salazaar, einen Konkurrenten wie Pete Coors zu schlagen. Der ist Biermagnat und wirklich reich.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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