Paschtunenführer kämpft noch gegen die Taliban
Hamid Karsai: Der neue Regierungschef verbindet Tradition und Moderne

Der Paschtunenführer Hamid Karsai, der die Übergangsregierung nach dem Ende der Taliban-Herrschaft in Afghanistan anführen soll, gilt politischen Beobachtern zufolge als äußerst qualifiziert, sein Land nach vielen Kriegsjahren zur Normalität zurückzuführen. Seine Mischung aus Modernität und Traditionsbewusstsein habe ihm die Unterstützung aller afghanischen Parteien auf der unter UNO-Schirmherrschaft stehenden Konferenz auf dem Bonner Petersberg eingebracht, urteilten Beobachter dort.

Reuters BONN. Während sich die vier Parteien in behaglicher Atmosphäre um die Aufteilung der Macht stritten, kämpfte Karsai im fernen Afghanistan gegen die Taliban in deren letzter Bastion Kandahar.

Karsai bringt für die neue Aufgabe die besten Voraussetzungen mit: Als Chef des Popalsai-Stammes im Süden Afghanistans führt er eine große Paschtunen-Gruppe an. Die Paschtunen stellen rund 40 % der Bevölkerung in dem westasiatischen Land. Karsais Familie blickt außerdem auf eine lange Tradition in der öffentlichen Verwaltung des Landes zurück. Sein Vater war als Politiker einem Attentat zum Opfer gefallen, das den Taliban zugeschrieben wurde. Sein Großvater war unter König Mohammed Sahir Schah Präsident des Nationalrates bis zu dessen Entmachtung 1973. Hinzu kommt: Karsai lebte überwiegend in Afghanistan, während viele der künftigen Regierungsmitglieder jahrelang im, zumeist westlichen, Exil verbracht haben.

Karsai wollte ursprünglich auch nach Bonn kommen, wurde aber durch die Kämpfe gegen die Taliban davon abgehalten. Telefonisch erreichte er das Plenum auf dem Petersberg: "Dieses Treffen ist der Weg zum Heil. Wir sind eine Nation, haben eine Kultur. Wir sind vereint, nicht geteilt. Wir glauben alle an den Islam, aber an einen toleranten Islam." Der Appell machte großen Eindruck auf die versammelten Afghanen, hieß es später unter Beobachtern. Karsai kann sich nach Einschätzung westlicher Diplomaten auf eine breite Basis in seinem Land stützen.

Mit 46 Jahren gehört Karsai in Afghanistan bereits zu den erfahrenen Stammesfürsten mit politischer Erfahrung. Von 1992 bis 1994 war er stellvertretender Außenminister der Mudschahedin-Regierung (Gotteskrieger), die die sowjetische Besatzungsmacht vertrieben hatte. Einen Großteil der 1980-er Jahre verbrachte er in den Vereinigten Staaten, wo er mit seiner Familie in Chicago, San Francisco, Boston und Baltimore eine Kette afghanischer Restaurants aufzog. Karsai spricht fließend englisch. Vor Fernsehkameras wirkt der große Mann mit kurz geschnittenem ergrauenden Bart und Glatze gewöhnlich gut gelaunt und gelassen.

Die Taliban, die Karsai seit Anfang Oktober mit großem Einsatz bekämpft, hatten anfangs seine Sympathie, versprachen sie doch, Chaos und Rechtlosigkeit nach dem Abzug der Sowjets zu beenden. Schon bald brach er aber mit den islamischen Radikalen und warf ihnen vor, von arabischen und pakistanischen Extremisten bestimmt zu werden. "Sie lernen das Schießen auf lebendige Ziele und diese lebendigen Ziele sind das afghanische Volk. Wir wollen sie raushaben", erklärte er, inzwischen zum ausgesprochenen Taliban-Gegner mutiert. Gemeinsam mit seinem Vater Abdul Ahad Karsai, einem Senator während der Monarchie, gründete er 1997 in Pakistan eine Anti-Taliban-Bewegung.

Westliche Diplomaten bescheinigen Karsai die für seine künftige Aufgabe unerlässliche Fähigkeit zu integrieren. Dabei dürfte ihm auch helfen, dass der Mann mit keiner der für westliche Beobachter unübersichtlich großen Zahl von ethnischen und sozialen Gruppen in Afghanistan verfeindet ist.

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