Passagiere nehmen in den Flügeln Platz
Flugzeughersteller testen neue Konzepte für Großraumflieger

Nurflügler sind schnell und könnten große Lasten transportieren. Entwickler auf beiden Seiten des Atlantiks suchen nach Wegen, solche Fluggeräte für Fracht und Passagiere zu bauen.

HAMBURG. Beim Militär haben sich Flugzeuge, die nur aus Flügeln bestehen, längst bewährt. Jetzt wollen Flugzeugbauer das Design der Nurflügler auch auf die zivile Luftfahrt übertragen. Solche Flugzeuge könnten mehr Passagieren und Lasten transportieren als die heutigen Großraumflugzeuge. Sie würden schneller fliegen und auf Grund des niedrigeren Luftwiderstandes mit weniger Treibstoff auskommen. Bei Boeing entsteht eine ganze Jet-Familie für zivile und militärische Aufgaben. Und die EU-Kommission fördert eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der französischen Luftfahrtforschungsagentur Onera, die sich mit dem Bau eines Passagierflugzeugs mit sechs- bis achthundert Plätzen beschäftigt.

Weil die Industrie weiter auf Wachstum im Luftverkehr setzt, sucht sie nach Möglichkeiten, noch größere Flugzeuge zu bauen als bisher. Heutige Flugzeugkonstruktionen aber sind ausgereizt. Mit dem Airbus A380, der 555 Passagiere transportieren soll, ist nach Ansicht der Experten bei den heutigen Konstruktionen die Grenze des Machbaren erreicht. "Technisch gesehen, ist es unmöglich, nach dem herkömmlichen Konzept leistungsfähigere Flugzeuge zu bauen", sagt Onera-Ingenieur Bruno Mialon.

Einen Ausweg sieht der Flugzeugkonstrukteur nur durch die Erprobung anderer Konstruktionen. Dabei sei es nahe liegend, Rumpf und Leitwerk in den Flügel zu integrieren. Solch ein schwanzloses Flugzeug - im Englischen auch Flying Wings genannt -, besäße ohne Rumpf und Leitwerk einen geringeren Luftwiderstand als ein gleich großes normales Flugzeug und würde dadurch wesentlich schneller fliegen und weniger Sprit verbrauchen. DLR-Forscher gehen davon aus, dass ein großer Nurflügler im Boeing - oder Airbus-Format bis zu 20 % weniger Treibstoff verbrauchen würde als ein herkömmlicher Großraum-Jet.

Der französische Luftfahrtkonzern Aerospatiale hat bereits vor einigen Jahren einen Nurflügler-Entwurf vorgestellt - einen Giganten, der auf zwei Decks 800 bis 1 000 Passagiere transportieren könnte. Das Flugzeugmodell hatte eine Spannweite von 95 Metern und sollte 600 Tonnen wiegen - doppelt so viel wie ein Jumbo. Trotzdem wäre der Nurflügler mit 1 020 Kilometern pro Stunde rund 200 km/h schneller, rechneten die Entwickler vor. Und das Reisen wäre bequemer: Die Passagiere säßen in Sälen mit Sitzreihen - wie im Kino.

Auch der Nurflügler von Boeing, der Blended-Wing-Body-Jet, könnte doppelt so viele Passagiere transportieren wie eine Boeing 747-400 und mit 7 000 Meilen eine um 20 % höhere Reichweite erzielen.

Die Flugzeugkonstrukteure sind zwar schon lange von der Idee des Nurflüglers begeistert. Doch erst in den letzten Jahren ist es ihnen gelungen, Probleme - die durch das eigenwillige Design entstehen - in den Griff zu bekommen. Nurflügler sind schwer zu steuern und neigen zu Pendelbewegungen nach links und rechts. Sie sind verloren, wenn der tragende Luftstrom um die Tragflächen abreißt. Ein herkömmlicher Jet kann sich dann immer noch retten, weil die Höhenleitwerke weiter Auftrieb liefern und auf das Steuer reagieren.

Außerdem erschwert ihre Form die Entwicklung von Flugzeugfamilien. Bei den heutigen Jets lassen die Hersteller je nach Kundenwunsch Rumpfsektionen weg oder fügen eine hinzu. Das geht bei einem Nurflügler nicht. Boeings Ingenieure lösen das Problem, indem sie den Entwurf für verschiedene Versionen maßstäblich verkleinern oder vergrößern.

Auch die Sicherheit ist kein Problem mehr. Ingenieure haben gelernt, weitgehend trudelfreie Nurflügler zu konstruieren. Durch intelligentes Treibstoff-Management, bei dem der Treibstoff computergestützt umgepumpt werden kann, lässt sich die Schwerpunktlage für den Flug variieren.

Inzwischen sind die Designs deutlich kleiner geworden: Aus 800- oder 1 000-Sitzern wurden nun 600-Sitzer. Airbus sieht die Nurflügler nur als eine Option unter vielen. Boeing dagegen hält sie für viel versprechend genug, um kleine Testgleiter aufsteigen zu lassen. Überlegt wird, Nurflügler zunächst als Frachter anzubieten. Denn sie wären groß genug, um normale Schiffscontainer an Bord zu nehmen.

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