Pastor macht Obama schwer zu schaffen
Alptraum mit Fortsetzung

Es kann kaum weniger als Entsetzen gewesen sein, das die Wahlkampagne von Barack Obama in den letzten Tagen ergriffen haben muss. Denn bei der medialen Blitz-Tour von Obamas Pastor Reverend Jeremiah Wright offenbarte sich vor allem eines.

WASHINGTON. Der Prediger aus Chicago ist im Wesentlichen tatsächlich der, der zunächst als Karikatur aus den YouTube-Clips bekannt war. Wright ist ein Narziss, der für eine gute Pointe alles aufs Spiel setzt – und wenn es sein muss auch die politische Zukunft seines Gemeindemitglieds Barack Obama.

Zum für Obama wohl ungünstigsten Zeitpunkt hat sich Wright nun ins Scheinwerferlicht gestellt, um Satisfaktion für erlittene Kritik zu verlangen. Denn eine Woche vor den Wahlen in Indiana und North Carolina bleibt den großen US-TV-Networks nun noch genügend Zeit, wieder und wieder das Verhältnis von Obama zu seinem außer Kontrolle geratenen Pastor durchzukauen. Für Obama, der in den beiden Bundesstaaten vielleicht die letzte Chance hat, durch zwei überzeugende Siege die Konkurrenz mit Hillary Clinton vorzeitig zu beenden, sind Wrights Auftritte ein Alptraum.

Sowohl vor Teilnehmern der schwarzen Bürgerrechtsorganisation NAACP wie auch vor Journalisten im National Press Club in Washington präsentierte sich Wright mal ernst, mal kurios, mal nur als irrlichterndes Rumpelstilzchen. Mag es noch lustig sein, wenn er als Stimmenimitator der Präsidenten Johnson und Kennedy auftritt oder als tanzender Derwisch amerikanische Gospeltraditionen veranschaulicht, so dürfte Obama viel mehr zu schaffen machen, dass Wright auch weiterhin auf ziemlich kontroversen Positionen besteht.

Begleitet von Sicherheitspersonal aus den Reihen der „Nation of Islam“ pries er etwa deren Chef, Louis Farrakhan. Doch ausgerechnet mit Farrakhan in Verbindung gebracht zu werden, der als rassistisch und anti-semitisch gilt, ist für einen Politiker fatal. Erneut warf Wright der Regierung in Washington vor, die Schwarzen klein zu halten, den Terrorismus zu befördern und zudem behauptete er, dass die USA die Immunschwächenkrankheit Aids entwickelt hätte, um ethnische Minderheiten auszulöschen. So absurd die Vorwürfe klingen, Barack Obama werden sie erneut unter Rechtfertigungszwang setzen.

Als vor rund zwei Monaten die ersten Videos von Wrights Predigten auftauchten sah sich der Senator aus Illinois veranlasst, eine Grundsatzrede zum Verhältnis von Schwarz und Weiß in Amerika zu halten – und Erklärungen abzugeben. Obama musste sich der Frage stellen, wie er Wrights Kommentaren über Jahre zuhören konnte und warum er sich nicht distanzierte. Also versuchte der Senator zu erklären, wie eine schwarze Kirche funktioniert, sich manche Prediger gerne in Emotionen baden und dabei Andersgläubigen gelegentlich unverständlich bleibt.

Geplant war ein solcher Auftritt allerdings nicht. Denn Obama verdankt seine bisherigen Erfolge zu einem großen Teil seinem Image als zwar schwarzer, im Grunde aber über den Ethnien stehender Kandidat. Nie wollte er daher seine Hautfarbe zum Thema machen – bis Reverend Wright die Wahlkampfbühne betrat.

Der wiederum sonnt sich ganz offensichtlich in der überraschenden Popularität. Innerhalb weniger Wochen ist der weithin unbekannte Reverend der Trinitiy United Church aus dem Süden Chicagos eine öffentliche Figur geworden und läuft dabei zu neuer Form auf. Obamas Kampagnenchef David Axelrod blieb am Montag nur ein hilfloses Achselzucken: „Er macht seine eigene Sache“, sagte Axelrod. „Da ist nichts, was wir tun können.“

Am Dienstag hat sich Barack Obama dann doch – erneut – von seinem ehemaligen Pastor und dessen umstrittenen Äußerungen zum Terrorismus distanziert: Er sei „empört und traurig“.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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