Patente laufen aus
Pharmabranche sucht Krisenrezept

Noch lässt sich mit Arzneimitteln gutes Geld verdienen. Doch bei den Herstellern wachsen die Sorgen. Für das zweite Halbjahr trüben sich die Perspektiven bedenklich ein.

FRANKFURT. In der Pharmabranche verdüstern sich die Aussichten für den Rest des Jahres. Die Wachstumsraten aus den ersten sechs Monaten können bei vielen Unternehmen nicht mehr gehalten werden, weil sich die Vermarktung neuer Medikamente verzögert. Am Montag kam der französische Arzneimittelhersteller Sanofi-Synthelabo wegen der an den Börsen verbreiteten Unsicherheit unter die Räder. Weil der Konzern ein schwächeres Umsatzwachstum für die zweite Jahreshälfte ankündigte, verlor die Sanofi-Aktie in Paris fast ein Zehntel ihres Wertes. Auch andere europäische Pharma-Titel gerieten daraufhin unter Druck. In Deutschland verlor die Bayer-Aktie fast 3 %.

Analysten zeigten sich beim französischen Sanofi-Konzern vor allem vom Betriebsgewinn enttäuscht. "Die Aussicht, dass das Gewinnwachstum stark auf einer geringeren Steuerquote beruht, lässt Sorgen über die operative Ertragsentwicklung aufkommen", kommentierten die Pharmaexperten von WestLB Panmure aus Düsseldorf die Ankündigung des französischen Unternehmens.

Für Unsicherheit im Pharmasektor sorgen zudem die unerwartet starken Einbußen bei einer Reihe von Arzneimittelherstellern, bei denen wichtige Patente ausgelaufen sind oder die Medikamente vom Markt nehmen mussten. Dazu gehörten etwa die US-Konzerne Bristol-Myers und Lilly sowie die deutschen Firmen Bayer und Merck KGaA. Gleichzeitig sind deutlich weniger Medikamente neu zugelassen worden, weil Produkte in den klinischen Tests scheiterten oder die staatlichen Aufsichtsbehörden zusätzliche wissenschaftliche Studien von den Arzneimittelherstellern verlangten.

Auch ein anderer Indikator spricht dafür, dass die hohen Wachstumsraten im Pharmabereich zunächst einmal vorüber sind: Nach Angaben des amerikanischen Marktforschungsunternehmens IMS Health legen die Umsätze mit Arzneimitteln längst nicht mehr so stark zu wie in der Vergangenheit. In dem Zeitraum zwischen Juli 2001 und Juni 2002 wuchsen die Umsätze mit einer Rate von 8 %, im vergleichbaren Zeitraum der Vorjahresperiode waren es hingegen noch 11 %.

Die Wachstumsraten fallen bei einigen großen Pharmaherstellern sogar noch kleiner aus: Sie verbuchten nach Berechnungen des Handelsblatts im Schnitt noch ein Wachstum von rund 5 %, wobei die Erlöse im zweiten Quartal sogar nur um 4 % zulegten. Trotz der Abwertung des US-Dollars sind dabei europäische Pharmakonzerne sowohl bei Umsatz und Gewinn tendenziell schneller gewachsen als ihre amerikanischen Konkurrenten.

Ungeachtet der aktuellen Unsicherheiten sehen Analysten das Pharmageschäft langfristig weiterhin auf einem soliden Fundament. "Auch wenn kurzfristig einige Sorgen da sind, bleiben die langfristigen Aussichten gesund", glauben die Experten von UBS Warburg in einer Studie.

Auch politische Gefahren für die Branche - etwa durch wachsenden Preisdruck und eine Gesundheitsreform in den USA - werden im Analystenlager offenbar nicht mehr ganz so bedrohlich empfunden wie vor einigen Monaten. "Der politische Ausblick für die Industrie ist nicht so düster wie 1994", urteilt die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers in ihrer jüngsten Analyse. Aus Sicht der US-Investmentbankiers gibt es auch positive Ansätze: Möglicherweise ist im zweiten Halbjahr doch wieder mit einer steigenden Zahl von Neuzulassungen bei Arzneimitteln zu rechnen.

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