"Patient wird künstlich am Leben gehalten"
Geladene Stimmung bei Holzmann

Die Stimmung im Frankfurter Messe - Kongresszentrum war extrem geladen: "Da kommt mir doch alles hoch", nahmen Aktionärsschützer am Dienstag nach der außerordentlichen Hauptversammlung von Philipp Holzmann kein Blatt vor den Mund.

dpa/dpa-afx FRANKFURT/MAIN. Nach einer außerordentlichen Hauptversammlung des Baukonzerns stimmten sie am Dienstag in Frankfurt mit einer großen Mehrheit von 99 % der Stimmen für den außergerichtlichen Vergleich. Doch dazu trugen maßgeblich die großen Investoren - die Gläubigerbanken und die belgische Gevaert-Gruppe - mit rund 65 % bei. Die kleinen Anteilseigner fühlten sich dagegen ohnmächtig, hatten ihre Stimmanteile doch keine Chance auf Widerspruch. Resigniert schoben die meisten ihren Stimmzettel mit Ja in die Behälter. Zwei Jahre, nachdem Holzmann in die Krise getrudelt ist, sind die meisten von ihnen verbittert.

Der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Klaus Nieding, kritisierte mit scharfen Worten die erreichten Kompromisse. "Diese Leute haben sechs Mrd. DM Schulden angehäuft, sind für den Verlust von 6 000 Arbeitsplätzen verantwortlich - und sollen auch weiterhin Pensionen von bis zu 20 000 DM im Monat haben", empörte sich der Rechtsanwalt. Die Zustimmung der Investoren sei eine abgemachte Sache gewesen, äußerte der Aktionärsschutzer.

"Der hirntote Patient Holzmann wird künstlich am Leben gehalten, weil es der Chefarzt, Bundeskanzler Gerhard Schröder, angeordnet hat und damit die Organe gewinnbringend verkauft werden können", mutmaßte der Aktionärsschützer. Für den Gesamtkonzern sei immer noch kein Interessent in Sicht.

Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) warf dem Holzmann- Vorstand zudem mangelnde Informationen über die Vergleiche vor. Die Unterlagen dazu seien für einen normalen Aktionär nicht verständlich, es fehlten wichtige Details. "Was von Seiten des Unternehmens kam, war katastrophal", monierte SDK-Rechtsanwalt Markus Kienle. Ein bis zum Ende durchgefochtener Prozess hätte zudem vermutlich eine höhere Schadenersatzzahlung gebracht.

Genau dies bestreitet Holzmann. Vorstandsvorsitzender Konrad Hinrichs betonte, dass die Alternative ein bis zu zwölf Jahre langes kostenträchtiges Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang sei. Bis zum heutigen Tag habe das Insolvenz- und die Vergleichsverfahren mit den Altvorständen schon zehn Mill. DM gekostet. Holzmann erhalte jetzt "eine nicht unbedeutende Summe als finanzielle Wiedergutmachung für die Schäden, die das jahrelange Missmanagement verursacht hat", betonte Hinrichs.

Die Gesellschaft hatte die bis 1998 ausgeschiedenen Spitzenmanager ursprünglich auf über 160 Mill. DM verklagt. Ihnen wird vorgeworfen, unter anderem mit überteuerten Grundstückskäufen maßgeblich zur Krise des Baukonzerns beigetragen zu haben. Der Vergleich, den Holzmann mit den Ex-Managern geschlossen hat, besteht aus zwei Teilen.

Zum einen zahlt die Haftpflichtversicherung AIG der Altvorstände 38 Mill. DM (19,4 Mio Euro). Zum anderen verzichten der frühere Konzernchef Lothar Mayer und die Vorstände Dieter Rappert, Michael Westphal, Jürgen Schönwasser, Gerhard Lögters und Lothar Freitag auf 30 bis 60 % ihrer Pensionsansprüche. Dies sind nach Unternehmensangaben etwa zwölf Mill. DM. Sollten die laufenden Ermittlungen des Bundeskriminalamtes und der Frankfurter Staatsanwaltschaft noch zu einer rechtskräftigen Verurteilung führen, behält sich Holzmann aber "weitergehende Ansprüche" vor.

Mit dem geschlossenen Vergleich hat Holzmann noch nicht die Zeit seit 1997 aufgearbeitet, als Vorstandschef Heinrich Binder das Ruder übernahm. Hier wartet das Unternehmen das Ergebnis der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ebenso ab wie im Fall des langjährigen Wirtschaftsprüfer KPMG.

Ende November 1999 war der Bauriese unter einer Schuldenlast von fast drei Mrd. DM zusammengebrochen. Derzeit halten die Gläubigerbanken - unter anderem die Deutsche Bank, die HypoVereinsbank, die Bayerische Landesbank und die Hessische Landesbank - über 50 % an dem Konzern.

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