Patrick Stokes: Chef des weltgrößten Bierbrauers
Der arbeitswütige Außenseiter von Anheuser-Busch

Es ist der Bruch einer Tradition. Stokes darf als erster Externer den größten US-Bierkonzern führen. Aber die Eigentümerfamilie wacht aufmerksam im Hintergrund.

NEW YORK. Als Robert Weinberg das Bewerbungsgespräch beendete, war es ihm bereits klar. Der Vizepräsident für Unternehmensplanung beim amerikanischen Bierkonzern Anheuser-Busch fuhr nach Hause und sagte noch am selben Abend zu seiner Frau: "Ich habe heute einem Mann einen Job angeboten, der eines Tages Chef von Anheuser-Busch wird." Das war 1969. Und der Bewerber war der damals erst 26-jährige Patrick Stokes.

Weinberg hatte Recht. Stokes, inzwischen 59 Jahre alt, wird am 1. Juli die Führung des US-Bierbrauers übernehmen. Das kommt einer kleinen Revolution gleich, denn er ist seit 1860 der erste familienfremde Konzernchef. Bislang haben sich sechs Mitglieder der Eigentümerfamilien von Anheuser und Busch an der Spitze abgewechselt.

Stokes wird Chef des mit einem Umsatz von rund 13 Milliarden Dollar größten Bierbrauers der Welt. Anheuser-Busch stellt Marken wie Budweiser, Bud Light und Michelob her und setzt im Auslandsgeschäft auf Partnerschaften. In Italien etwa arbeitet der Bierproduzent mit Birra Peroni zusammen. Außerdem ist der Konzern, der auch Themenparks wie Sea World betreibt, am Hersteller des mexikanischen Kultbieres Corona beteiligt.

Talentierter Analytiker

Der Jesuitenschüler und Mathematiker Stokes, mit einem MBA der Columbia University, stach schon damals aus der Gruppe von jungen MBAs hervor, die der Bierhersteller in dem Jahr anheuerte. Anheuser-Busch suchte nach Leuten mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund und dem Talent, schnell und klar zu analysieren.

Stokes zeigte schon bald, dass er diese Fähigkeiten mitbrachte. Der Manager, den Analysten dafür loben, dass er bei Entscheidungen stets die Gesamtlage der Branche im Auge hat, stieg schon nach einem Jahr zum Senior Analysten auf. Zwei Jahre später saß er im Dunstkreis der Führungsriege: als persönlicher Assistent von August A. Busch III. Der Vorstandsvorsitzende kürte ihn denn auch höchstpersönlich zu seinem Nachfolger als Chief Executive Officer. Busch III wird allerdings weiter Chairman bleiben.

"Verdammt arbeitswütig"

"Er ist verdammt schlau und verdammt arbeitswütig, fast so, als wäre er besessen", lobte Weinberg ihn schon zu Anfang. In den achtziger Jahren zeigte Stokes, dass er auch eine Übernahme und Eingliederung meistern kann, als Anheuser-Busch den Backwaren- und Tiefkühlspeisen-Hersteller Campbell Taggart kaufte.

Aber er verfügt auch über großes Marketingtalent. Es half ihm, das Biergeschäft, das er seit 1990 leitet, deutlich voranzubringen. Unter seiner Führung ist der Anteil von Anheuser-Busch auf dem US-Markt von damals 42 auf heute 49 Prozent gestiegen. Stokes übernimmt also die Konzernspitze in einer Zeit, in der die Position auf dem US-Markt gefestigt ist.

Busch III weiß die Leistung seines Schützlings zu schätzen. Auf einer Analystenkonferenz ließ er vor kurzem wissen, dass die gestiegene Profitabilität des Gesamtkonzerns Stokes zu verdanken sei.

Das Lob aus dem Munde seines Förderers kann der Vater dreier Söhne gut gebrauchen, denn auf Stokes lastet ein schweres Erbe: Er muss sich intern gegenüber den mächtigen alten Industrieellenfamilien Busch und Anheuser behaupten, die aus dem Bierbrauer die Nummer eins auf dem US-Markt gemacht haben. Marc Greenberg, Analyst der Deutschen Bank Securities, ist jedoch zuversichtlich: "Er muss nur sein Ding durchziehen, und ich glaube, das wird er tun."

Stokes Nachfolger steht schon bereit

Allerdings dürfte Stokes Amtszeit nicht allzu lange währen. Denn bei aller Toleranz für den Außenseiter: Anheuser-Busch ist immer noch ein Familienkonzern - und August Busch IV steht schon bereit. Mit seinen 38 Jahren gilt er zwar noch als zu unerfahren, aber trotzdem besteht kein Zweifel, dass er der designierte Nachfolger ist. "Stokes ist nur ein Mann des Übergangs", ist Jeff Kanter, Lebensmittelanalyst des Investmenthauses Prudential Securities, überzeugt und spielt auf die Ablösung durch Busch IV an.

Es wäre nicht das erste Mal, dass in einem Großunternehmen wieder ein Familienmitglied die Führung übernimmt, nachdem ein externer Manager an der Spitze stand. Bestes Beispiel ist der Autohersteller Ford, bei dem mit William Clay Ford Jr. ein Erbe des Gründers das Steuer übernommen hat.

Es ist also völlig offen, wie lange Patrick Stokes den größten Bierbrauer der Welt führen darf. Es hängt davon ab, wann die Eigentümer seinem designierten Nachfolger Busch IV die Aufgabe zutrauen.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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