Paul erfolgreicher Ost-Export
Keine Chance für "Bämela"

Bei diesem Antrag streikte die Standesbeamtin: Rigoros verweigerte sie in den 80er Jahren einem kleinen Mädchen aus Leipzig den Namen "Bämela". "Gemeint war eigentlich 'Pamela'", erklärt Philologin Gabriele Rodriguez, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Namenforschung an der Universität Leipzig.

dpa LEIPZIG. Die amerikanische Erfolgsserie "Dallas" sei auch in der DDR ein Straßenfeger gewesen und habe seinerzeit viel Einfluss auf die Namen der Neugeborenen gehabt. Pamela, eine der Protagonistinnen aus "Dallas", sei als Name durchaus möglich gewesen.

Die Nachkriegsgeneration, die sich gesamtdeutsch vorzugsweise Renate, Brigitte, Klaus, Wolfgang oder Dieter nannte, driftete bei der Namensgebung für ihre Sprösslinge nach Gründung der beiden deutschen Staaten schon etwas auseinander. Während sich der Osten oft im slawischen Raum bediente, orientierte sich der Norden im friesischen und skandinavischen Bereich, der Südwesten und Süden im französischen und romanischen Sprachraum. "Natürlich lässt sich das nicht scharf abgrenzen", meint die Wissenschaftlerin. Boris Becker zum Beispiel sei ein typisches Gegenbeispiel. "Es gibt leider keine gesicherten Erhebungen von früher, da die Standesämter nie oder selten Daten herausgegeben hatten."

Verstärkt wurde der Trend zu ausländischen Namen zweifellos durch den Einzug des Fernsehens in die deutschen Stuben. Zwar standen in Ost wie Prominente aus Film und Fernsehen, Sport und Musik bei Neugeborenen Pate. "In der DDR allerdings war das etwas ausgeprägter", sagt Rodriguez. So sei hier der prozentuale Anteil von Peggys und Mandys, Steves, Ronnys und Kevins deutlich höher als in der Bundesrepublik gewesen.

Typisch für den Osten war es, diese Namen so einfach wie möglich zu schreiben, sie also praktisch einzudeutschen. Aus Mike wurde Maik, aus Denise Denis, und Stephan und Raphael verloren auf dem Weg in den Osten schnell ihr "ph" zu Gunsten des "f". Bei der Rückbesinnung auf traditionelle Namen, ob deutschen oder ausländischen Ursprungs, marschierte der Osten wiederum voran, erklärt die Philologin. So sei zum Beispiel der Name Paul schon Ende der 80er Jahre ein ostdeutscher Spitzenreiter gewesen, während er sich erst in den letzten Jahren unter den Top-Ten der inzwischen gesamtdeutschen Namens-Hitliste platzieren konnte.

"Dies", so Rodriguez, "ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich nach der Wende beide deutschen Seiten in der Namensgebung wieder annähern." Paul sei sozusagen ein erfolgreicher Ost-Export. Im übrigen gebe es nicht nur Unterschiede zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Süd und Nord. So heißt die norddeutsche Anne im Süden Anna und Marie eben Maria. Beide Namen und ihre Varianten liegen laut Rodriguez in der Beliebtheits-Skala weit oben, ebenso Sophie, Laura, Michelle, Julia und Sarah. Bei den Jungen hat Leon inzwischen Alexander den Rang abgelaufen, vor Maximilian, Lukas und Paul.

Dass "Bämela" in der DDR damals keine Chance hatte, war eigentlich nichts Besonderes. Laut Aufzeichnungen der früheren Sektion für theoretische und angewandte Sprachwissenschaft an der Leipziger Uni wurde in den 60er und 70er Jahren von etwa 1000 Anträgen der überwiegende Teil abgelehnt. "In den 80er Jahren, vor allem auf kleineren Standensämtern, war es schon leichter - ob aus Unkenntnis oder Toleranz - auch manche exotische Namensschöpfung durchzusetzen", ergänzt die Philologin, deren Fachbereich übrigens auch etwas Exotisches an sich hat: An der Leipziger Universität gibt es den einzigen Studiengang Onomastik (Namenkunde) in Deutschland.

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