Paul Otellini ist President und COO des US-Chipkonzerns
Der Kronprinz von Intel

Seit 29 Jahren arbeitet Otellini für den größten Chiphersteller der Welt. In spätestens zwei Jahren wird der Manager Nachfolger des jetzigen Intel-Chefs, Craig Barrett.

MÜNCHEN. Sollte es eines Tages eine Neuauflage der TV-Serie "Eine amerikanische Familie" geben, Paul Otellini müsste die Rolle des Vaters übernehmen. Der 52-Jährige verkörpert fast perfekt das Bild des erfolgreichen Amerikaners. Und das nicht nur, weil er mit seiner wenig modischen Frisur und der Brille fast ein wenig aussieht wie Microsoft-Chef Bill Gates. Er verhält sich auch so. Schnell entledigt sich Otellini seines Jacketts, kommt im Gespräch hemdsärmelig und ohne Umwege zur Sache. Doch das ist nur die eine Seite, die des Aufsteigers, der es aus einfachen Arbeiterverhältnissen bis in die Chefetage eines der angesehensten Unternehmen von Amerika geschafft hat.

Mindestens genauso amerikanisch sind die Werte, für die der künftige Chef des weltgrößten Chipherstellers steht: Otellini bekennt sich zur Familie, gibt sich sportlich und ist stolz auf seine Heimat. Sein ganzes Leben hat der streng katholisch erzogene Mann in Kalifornien verbracht. Der Versuch, aus seiner Heimatstadt San Francisco wegzuziehen, scheiterte schnell an einem unbändigen Heimweh.

Läuft alles nach Plan, wird Otellini auch die nächsten Jahre in der geliebten Bay Area an der amerikanischen Westküste verbringen. Denn seit Anfang 2002 ist ausgemacht, dass der Ökonom - Studienort natürlich San Francisco - auf den Chefsessel von Intel nachrückt. Das High-tech-Unternehmen hat sein Hauptquartier ganz in der Nähe von San Francisco.

Otellini kennt den Halbleiter-Produzenten wie seine Westentasche. In seinen 29 Jahren bei Intel hatte er fast ein Dutzend verschiedene Positionen inne. Schon 1989 schnupperte Otellini den Duft der Macht, als der gebürtiger Kalifornier Assistent beim langjährigen Intel-Chef Andrew Grove wurde. Seither förderte ihn der heutige Chairman. Anfang 2002 dann der Ritterschlag: Otellini zog in die Chefetage ein und bewohnt jetzt ein Büro, in dem ihn nur noch eine dünne Stellwand von Intel-Chef Craig Barrett trennt. Sein offizieller Titel: Präsident und Chief Operating Officer (COO).

Die Zusammenarbeit mit Barrett ist eng: Die beiden Top-Manager sitzen Seite an Seite, sie können sich jederzeit hören und immer miteinander unterhalten. Während Barrett als Chief Executive Officer (CEO) die große Strategie im Blick hat, kümmert sich Otellini um das tägliche Geschäft.

Barrett ist jetzt 63, spätestens mit 65 muss er seinen Platz an der Spitze räumen. Mit Otellini wird zum ersten Mal in der 35jährigen Geschichte von Intel ein Manager Chef, der nicht aus der technischen Abteilung kommt. Und dennoch: Für die hoch komplexen Produkte von Intel kann sich Otellini begeistern wie jeder seiner Vorgänger, ja als hätte er die Chips selbst entworfen. Kollegen sagen, er wäre sogar noch viel emotionaler als der derzeitige CEO Craig Barrett. Bei Intel heißt es, Otellini sei gelegentlich mit so großem Enthusiasmus bei der Sache, dass er aus der Haut fährt.

Mitunter mag das in diesen Tagen allerdings auch daran liegen, dass sich die gesamte Halbleiter-Branche bei weitem nicht so positiv entwickelt, wie sich das die Dauer-Optimisten Barrett und Otellini vorgestellt haben. Obwohl Intel so viel investiert wie keiner der Wettbewerber, können sich die Amerikaner der Krise nicht entziehen. Die Umsätze stagnieren, der Aktienkurs hat seit den Höchstständen im Sommer 2000 bis zu 80 % verloren.

Sicher: Intel steht besser da als fast alle Konkurrenten. Die Gewinne sprudeln, während andere Chipfirmen mit roten Zahlen kämpfen. Nur: Die ersten drei Jahrzehnte war die Firma ein hohes Wachstumstempo gewohnt. Das ist nicht mehr zu halten. Da kommt einer wie Otellini gerade recht. Beobachter bescheinigen ihm ein großes Marketing-Talent. Das hat Intel bitter nötig, denn es reicht nicht mehr, die Kunden mit immer schnelleren Chips zu ködern. Mittlerweile wollen die Anwender genau wissen, warum sie so viel Geld für neue Technologien ausgeben sollen. Doch die Kollegen bei Intel sind zuversichtlich: Dem humorvollen Manager würde es auch in schwierigen Situationen gelingen, die Kunden zu überzeugen. Gerade hat Intel eine der größten Werbekampagnen des Jahres gestartet, um ein neues System für Notebooks an den Mann zu bringen: Ein wichtiger Test, ob Otellini der tolle Verkäufer ist, für den ihn viele halten.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%