Pay-TV verbrennt täglich 1,5 Millionen Euro
Premiere-Chef mutiert zum Insolvenzexperten

Für einen Fernsehdirektor und Schopenhauer-Experten musste Georg Kofler viele neue Wörter lernen. Dafür gehen sie ihm schon recht flüssig über die Lippen. Ob Premiere diese Woche Pleite geht? "So wie es aussieht, werden beide Insolvenzgründe - Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit - diese Woche nicht akut." Ausschließen könne er es aber nicht.
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DÜSSELDORF. Um den Gang zum Richter zu vermeiden, mutiert der Programmplaner zum Insolvenzexperten: "So lange wir hier noch eine Fortsetzungsperspektive haben und noch Gespräche führen können, die nicht aussichtslos sind, so lange will ich die Chance nutzen, eine Rettung von Premiere ohne Insolvenz zu erreichen."

Ganz anders als die Banker und Juristen, die jetzt bei Kirch Media das Sagen haben, denkt Geschäftsführer Kofler - wieder ganz Fernseh- und Marketingmann - bei "Insolvenz" nicht an die danach möglichen neuen Handlungsoptionen. Sondern an die Psyche des Kunden. Er will schlicht die "Marke Premiere" mit ihren 2,4 Mill. Abonnenten nicht mit dem Rubrum Pleite belasten.

Die Situation ist auch so schon "äußerst vertrackt", meint Wolfram Winter. Er ist Geschäftsführer der Universal Studios Networks Deutschland, die auf Premiere den Krimisender 13th Street betreiben. Für ihn stellt sich zum Beispiel schon die praktische Frage, an wen er sich wenden soll mit seinen Forderungen? An Wolfgang van Betteray, den Geschäftsführer der Kirch Media? Von ihr fordert Universal noch 100 Millionen Dollar. Allerdings handelte es sich um Pay-TV-Rechte, die nur Premiere genutzt hat. Zukünftig wird er wohl mit Kofler verhandeln, der wiederum will aber mit alten Rechnungen nichts zu tun haben.

Dabei vertritt Winter nur eines jener sieben Hollywood-Studios, die ganz unterschiedliche Interessen haben. Auch mit der Deutschen Fußball Liga muss Kofler reden, zuvor aber noch seine fünf Gesellschafter unter einen Hut bringen. Ganz zu schweigen davon, dass er die Banken, die ihr gutes Geld schwinden sehen, bei Laune halten muß. "Ein gordischer Knoten", so Universal-Mann Winter, "der Held, der den durchschlägt, wird einen Orden kriegen."

Außerdem mischt der 75-jährige Leo Kirch noch immer munter mit. Er ist über die TaurusHolding Hauptgesellschafter von Premiere und lässt sich von Kofler regelmäßig Bericht erstatten. Kirch ist zwar aus seinem Büro in Ismaning ausgezogen, aber in seinem Münchner Stadtbüro telefoniert er fleißig wie eh und je.

150 bis 200 Mill. Euro bräuchte Kofler und käme damit "zwei bis drei Monate über die Bühne". Die Zeit will er dazu nutzen, ein zukunftsfähiges Konzept auf die Beine zu stellen. Das bedeutet vor allem: sparen und billiger einkaufen. Denn bei der einzigen deutschen Plattform für Bezahlfernsehen ist bisher so gut wie alles aus dem Ruder gelaufen: Das Programm wurde viel zu teuer eingekauft, der Sender zu schlecht vermarktet und mit dem Betriebsvermögen garstig gehaushaltet. Nach einer Studie der WestLB verbrennt der Sender täglich 1,5 Mill. Euro. 800 von 2400 Beschäftigten haben schon die Kündigung bekommen. "Wenn es Kofler gelingt, die Kosten zu senken und an die Größenordnung von 2,4 Mill. Abonnenten anzupassen, dann könnte aus Premiere noch was werden", sagt Alt-Fernsehdirektor Helmut Thoma.

Koflers Chance: Den Geschäftspartnern ist am Fortbestand des einzigen deutschen Bezahlkanals gelegen - den meisten jedenfalls. "Pay-TV", so heißt es unisono von fast allen Managern der Film- und auch der Fußballbranche, "ist ein Teil der Wertschöpfungskette." Von den 380 Mill. Euro, die etwa die Deutsche Fußball Liga pro Saison an Fernsehgeldern kassiert, stammten bisher etwa 200 Mill. von Premiere. Kofler will die Rechtekosten drücken, lässt sich aber nicht in die Karten gucken.

Den Spielfilmproduzenten bringt die Ausstrahlung eines Streifens im Abo-Kanal ebenfalls fast so viel wie im Free-TV. Die Hollywood-Studios wollen auf diese Einnahmen nur ungern verzichten. Bei der Nachverhandlung der Lieferverträge kann der Premiere-Chef daher auch an dieser Stelle auf Kompromissbereitschaft hoffen.

Die wirklich harten Brocken im Überlebenskampf sitzen bei den Banken und den Gesellschaftern. Wer schießt wie viel frisches Geld nach? Ein Pokerspiel um den Sender, bei dem Kofler den Conférencier mimen darf. Der "unternehmerisch interessanteste Teilhaber", meint Kofler, ist dabei Rupert Murdoch, der über seinen englischen Sender BSkyB mit 22 Prozent an Premiere beteiligt ist. Außerdem beharrt der gebürtige Australier auf seiner Option, diesen Anteil gegen 1,8 Mrd. Euro bei der TaurusHolding, der Muttergesellschaft der gesamten KirchGruppe, einzutauschen.

Noch sträubt sich Kirch gegen den Deal. Für Murdoch rennt die Zeit davon. Denn schon sehr bald, heißt es in Kirch-Kreisen, könnte auch die Taurus Holding gezwungen sein, Insolvenz anzumelden; Murdochs Option wäre dann sehr viel weniger wert.

Dann, so spekuliert die Branche, könnte auch Bertelsmann wieder aufs Spielfeld laufen. Deutschlands größtes Medienunternehmen gehört zu den Gründern von Premiere, stieg später aber wieder aus. Bei Premiere lockt der digitale Abonnentenstamm, der zu jener Verkaufsplattform werden könnte, die Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff früher im Internet wähnte. NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement baut Premiere jedenfalls schon fleißig goldene Brücken.

Wer weiß, vielleicht käme dann auch Helmut Thoma wieder zu Ehren. Georg Kofler lacht bei dem Gedanken, der RTL-Veteran könne als Aufsichtsratschef über ihm Platz nehmen: "Wir wären sicher ein gutes Team und hätten viel Spaß miteinander." Allerdings gehörten solche Planspiele wohl eher in die "Kategorie Unterhaltung".

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