Peking-Ente
Vom Ideal zum Prestige

Es waren, Schande über uns, die Journalisten, die mit einem Ritual begannen, das den Olympischen Spielen wenig Gutes gebracht hat. Die Rede ist vom Medaillenspiegel, oder wie es in den Anfangsjahren der modernen Spiele noch üblich war, der Nationenwertung mit einem Punktsystem für die ersten sechs Plätze. Vom IOC wurde sie zunächst energisch bekämpft.
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Olympische Spiele sollten ein Wettstreit zwischen Einzelsportlern sein, nicht zwischen Ländern. Soweit das Ideal des Baron de Coubertin.

Wie so ziemlich alle seine Ideale - Amateurgedanke, Völkerverständigung, Ablehnung des Kommerzes - blieb es rasch auf der Strecke. Die Journalisten, die eifrig Strichlisten führten über Medaillen und Spitzenplatzierungen, waren dabei nicht mehr als die Vermittler einer Sportbetrachtung, die aus dem Treffen der Weltjugend eine darwinistische Leistungsschau der Nationen machte. Es waren die faschistischen Regime in Italien und Deutschland, die in der Zwischenkriegszeit begannen, ihre Athleten staatlich zu subventionieren. Mittlerweile ist diese Praxis längst globaler Usus. Ob China oder die USA, ob Deutschland oder Russland - überall werden Athleten staatlich gefördert, überall werden Medaillenquoten ausgegeben, und werden diese nicht erreicht, sind Begriffe wie Schande und Blamage nicht weit.

Olympia hat in den 112 Jahren moderner Spiele dabei stets erstaunlich genau die politische Konjunktur der Zeit wiedergespiegelt. Die Dominanz der USA schon bei den frühen Spielen kündigte von ihrem Aufstieg zur Weltmacht. Als die Sowjetunion nach dem zweiten Weltkrieg die "bürgerlichen" Olympischen Spiele nicht mehr boykottierte, gab sie auch im Sport rasch den Widerpart auf Augenhöhe. Mit ihrem Zerfall stürzten die Sportler ab, mit dem Erstarken Russlands kommen sie zurück. Und Chinas Entwicklung ereignete sich im Sport kein Stück weniger rasant als in der Wirtschaft. 1984 gewannen die diesjährigen Gastgeber ihre erste Goldmedaille. 2004 lagen sie nur noch vier hinter Branchenführer Amerika. Aller Voraussicht nach wird sich die Wachablösung im Sport noch schneller vollziehen, als in der Ökonomie, wo sie Experten für das Jahr 2040 ins Auge fassen.

Um den Epochenwechsel noch ein wenig aufzuschieben, haben die Amerikaner unter anderem für eine halbe Million Dollar den Pekinger BMX-Parcours zu Trainingszwecken in Kalifornien nachbauen lassen. Ja, BMX-Fahren ist jetzt auch olympisch. Und nein, mit Spaß hat das nichts zu tun. Wo selbst Randsportarten zu Gradmessern des nationalen Prestiges hochgejazzt werden, braucht sich über Doping niemand wundern. Politiker und Funktionäre fordern von ihren Sportlern saubere Leistungen. Aber wehe, sie kommen ohne so und so viele Medaillen heim.

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