Peking wird wichtigster Partner der Inselrepublik
Exodus nach China höhlt Taiwans Wirtschaft aus

Der jüngste Krieg der Worte zwischen Peking und Taipei hat sich kaum gelegt, da meldet schon wieder ein Topunternehmen der Insel eine riesige Investition in der Volksrepublik China. Der Chef von Taiwan Semiconductor Manufacturing, Morris Chang, will in Schanghai eine Chipfabrik bauen. Die Ankündigung hat auf Taiwan ein Beben ausgelöst, obwohl sie seit Monaten erwartet wurde. Taiwans Zeitungen überschlagen sich mit Berichten darüber, wie der Exodus der Insel-Industrie die wirtschaftliche Basis aushöhlt.

mg PEKING. Weil schon 50 000 Firmen ihre Produktion zumindest teilweise auf das chinesische Festland verlagerten, ging beispielsweise der lokale Flugverkehr auf Taiwan in den vergangenen zwei Jahren um 30 % zurück. Die taiwanesischen Manager, die bei Besuchen in China den Umweg über Hongkong machen müssen, füllen die erst jüngst von wöchentlich 120 auf 170 aufgestockten Flüge zwischen Taipei und Hongkong zu 85 %.

Über eine halbe Million Taiwanesen leben schon in der Volksrepublik, die jetzt sogar taiwanesische Ärzte zulassen will, damit die vielen Geschäftsleute von der Insel wunschgemäß versorgt werden. Selbst Taiwans Immobilienmarkt leidet, schreibt die "Commercial Times", weil schon Taxifahrer und Rentner in China Wohnungen und Häuser erwerben. Firmenschließungen in Taiwan tragen zum Anstieg der Arbeitslosenrate auf 5,1 % in diesem Jahr bei. Im Juli zählten Taiwans Statistiker 67 % mehr Firmenschließungen als im selben Zeitraum des Vorjahres. Und die ausländischen Direktinvestitionen gingen in diesem Monat um 49,7 % zurück.

Die sinkende Attraktivität Taiwans hat mit der enormen Magnetwirkung zu tun, die China derzeit entfaltet. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums in Taipei pumpten taiwanesische Firmen von Januar bis Juli 20 % mehr Investitionen als im Vorjahr nach China. "Sie fliehen regelrecht nach China", bestätigt Liu Tai-ying, Vorsitzender der China Development Holding. Erst kürzlich gab Taiwans führender Nahrungsmittelkonzern Uni-President - größter Investor der Insel in China - bekannt, der Umsatz in der Volksrepublik erreiche im laufenden Jahr erstmals den auf dem Heimatmarkt in Taiwan, rund 950 Mill. Euro.

Die Taiwanesen gelten in China als erfolgreichste Investoren. Sie beherrschen bereits 80 % des Marktes für Teegetränke. Sie stellen das bestverkaufte Nudelgericht und sind die eifrigsten Franchise-Nehmer der US-Kaffeekette Starbucks in China. Folge dieser Invasion: In den ersten fünf Monaten des Jahres überholte China die USA als wichtigster Exportmarkt Taiwans. Über 40 % der Computerhardware fertigen taiwanesische Firmen auf dem Festland. Mehr als 60 % des Produktionszuwachses bei Computerhardware in China soll auf Investitionen aus Taiwan zurück gehen. Allein Taiwans Elektronikindustrie, die den Weltmarkt mit zwei Drittel aller Motherboards und Peripheriegeräten versorgt, hat ihre Investitionen in China 2001 um 33 % gesteigert.

Dies stellt eine der strategisch signifikantesten Entwicklungen in der weltweiten Elektronikbranche dar. "Die wirtschaftliche Verzahnung zwischen Taiwan und China ist so weit fortgeschritten", schreibt die South China Morning Post in Hongkong, dass "Taiwans Investoren in China trotz Säbel rasseln und Krieggeschrei zwischen Taipei und Peking ruhig schlafen können". Der Preis eines militärischen Konfliktes wäre schlicht zu hoch.

Das erklärt auch Pekings auffallende Zurückhaltung nach den jüngsten Äußerungen von Taiwans Präsident Chen Shui-bian. Der sorgte vor zwei Wochen weltweit für Wirbel, als er sagte, eine Volksabstimmung in Taiwan über die Unabhängigkeit von China sei "fundamentales Menschenrecht".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%