Pensionierte Deutsche leisten für ein Taschengeld Entwicklungshilfe: "Meister-Chef" ist der Star der Backstube

Pensionierte Deutsche leisten für ein Taschengeld Entwicklungshilfe
"Meister-Chef" ist der Star der Backstube

Fragend blickt die Konditoreigehilfin mit den dunklen Augen auf das Rosinengebäck. Claus Gerhardt hat Christstollen gebacken und hält es der Vietnamesin zum Aufschneiden hin.

HB/HO CHI MINH STADT. In deutscher Sprache wiederholt der grauhaarige Bäckermeister langsam: "Bitte schneiden Sie ein paar Scheiben ab", und macht eine entsprechende Handbewegung. Die junge Frau grinst breit - sie hat verstanden, auch ohne Deutschkenntnisse. "Ja, wir verstehen uns", freut sich der 69-jährige Deutsche.

Gerhardt ist Bäckermeister - im Ruhestand. Trotzdem arbeitet er acht Wochen lang in verschiedenen Hotelbackstuben in Ho Chi Minh Stadt, dem ehemaligen Saigon in Vietnam. Gegen ein Taschengeld bringt er den Einheimischen das Brotbacken und Stollenzubereiten bei, ganz ohne Fremdsprachenkenntnisse. Der Bonner "Senior Experten Service" (SES) hat ihn geschickt, schon fünf Mal war er für die Organisation in Asien im Einsatz.

Seit zwanzig Jahren vermittelt der SES pensionierte Handwerker, Techniker und Akademiker auf Anfrage für Projektarbeiten ins Ausland, hauptsächlich in Entwicklungsländer. Jüngst hat Asien sich zum Haupteinsatzgebiet entwickelt, jeder zweite Einsatz findet dort statt. Seit zwei Jahren hat die Organisation auch eine Vertretung in Vietnam. Gut 50 Experten waren bislang in dem Land: Braumeister, Winzer, Textiltechniker, Bauingenieure - und Bäcker und Konditoren.

"Bei uns fühlen sich die Rentner nicht nutzlos", sagt Nguyen Thi Minh Phuong, die Repräsentantin des SES-Büros in Ho Chi Minh Stadt. "Sie können ihre Erfahrungen einbringen - und sie können uns Vietnamesen wirklich helfen", sagt sie. Damit schlage der SES zwei Fliegen mit einer Klappe: Selbstverwirklichung und Hilfe zur Selbsthilfe.

Diese Tatsache ist es, die mehr als 5 800 Rentner aus 50 Berufsgruppen zur Arbeit für die Non-Profit-Organisation, die von der Wirtschaft und dem Bund unterstützt wird, motiviert. "Die Arbeit bringt mir unwahrscheinlich viel Freude und Anerkennung", sagt Gerhardt, der Bäckermeister. "Wenn man in Deutschland mit Lehrlingen zusammenarbeitet, haben viele von ihnen keine Lust und denken womöglich noch: ?Was will der alte Sack von uns?'. In Vietnam wird das Alter stärker respektiert." Wenn die Vietnamesen merkten, dass man ihnen freiwillig seine Kenntnisse vermitteln wolle, könne man sich vor Dankbarkeit nicht mehr retten, erzählt er. "Das tut einem alten Menschen ja auch mal gut", sagt Gerhardt begeistert und strahlt.

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