Pensionsverpflichtungen: Morgan Stanley deckt große Lücken auf
Schwache Aktienmärkte gefährden Pensionszahlungen europäischer Firmen

Ein Schreckgespenst sorgt unter Europas Pensionsfonds für Aufregung: Die Firmen können ihren Mitarbeitern die zugesicherten Rentenzahlungen nicht bezahlen. Noch ist es nur eine Gefahr, die durch den Kursabsturz an den Aktienmärkten hochgekommen ist. Doch eine Untersuchung der Investmentbank Morgan Stanley zeigt, dass große Lücken zwischen den Verpflichtungen und den dafür angesammelten Finanzmitteln bestehen.

FRANKFURT/M. Das Institut hat sich die per Ende 2001 von der Marktkapitalisierung her größten 200 europäischen Konzerne angeschaut und große Lücken zwischen den Verpflichtungen und dem Wert der dafür vorgesehenen Mittel ausgemacht. So hat die Bank bei den in der Studie untersuchten 55 britischen Unternehmen und Pensionsfonds ein Deckungsdefizit von 50 Mrd. Euro ausgerechnet - Ende 2001 bestand noch ein Überschuss in Höhe von 12 Mrd. Euro.

Pensionsfonds haben große Freiheiten bei der Geldanlage und können unbegrenzt in Aktien investieren. "Am schwierigsten ist die Lage in Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz", sagt Sabine Mahnert, Altersvorsorge-Expertin bei Morgan Stanley. Diese Länder setzen bei der Altersvorsorge stärker auf die Börse als andere europäische Nationen. Außerdem machten Unternehmen dort höhere Pensionszusagen. In Großbritannien erhielten Arbeitnehmer nach der Pensionierung durchschnittlich rund 40 % ihrer Einkünfte durch betriebliche Altersversorgung, sagt Mahnert.

In den Niederlanden und der Schweiz ist die Lage ähnlich wie in Großbritannien. Laut Rüdiger Frischmuth, Senior Manager bei dem Beratungsunternehmen zeb/asset.management.consult, erhalten Pensionäre in diesen Ländern 30 bis 40 % ihrer Einkünfte aus betrieblicher Altersversorgung. Die Mittel hierfür sind stark am Aktienmarkt investiert. Somit rechnet die niederländische Zentralbank damit, dass steigende Lohnnebenkosten aufgrund erhöhter Beitragszahlungen das Wirtschaftswachstum um 20 Basispunkte (0,2 Prozentpunkte) drosseln könnten. Aufgrund der fallenden Aktienkurse weisen die in der Morgan-Stanley-Studie untersuchten Schweizer Firmen eine Unterdeckung von 5 Mrd. Euro auf. Ende 2001 habe diese lediglich bei 60 Mill. Euro gelegen, sagt Mahnert.

"Schaden in Deutschland gering"

Das deutsche Altersvorsorgesystem ist von der Aktienkrise weniger stark betroffen. Arbeitnehmer erhalten nach der Pensionierung 85 % ihrer Einkünfte aus der staatlichen Rentenversicherung, die restlichen 15 % setzen sich aus betrieblicher und privater Altersvorsorge zusammen. "In Deutschland ist der durch die fallenden Aktienkurse entstandene Schaden für Pensionsverpflichtungen relativ gering. Dort hat die Diskussion über kapitalmarktgedeckte betriebliche Altersvorsorge ja erst begonnen", sagt Rolf Elgeti, Stratege bei Commerzbank Securities. Die Situation sei nicht vergleichbar mit Großbritannien. Dort ist jeder zweite Arbeitnehmer mit Pensionsfonds versorgt.

Dass die fallenden Aktienkurse auch in deutsche Pensionskassen Löcher gerissen haben, dementieren deren Betreiber. Nach dem Versicherungsaufsichtsgesetz dürften Pensionskassen seit Anfang dieses Jahres maximal 35 % des gebundenen Vermögens in Aktien investieren, sagt Frischmuth. Vorher seien es 30 % gewesen. Pensionskassen sind im Prinzip Versicherungsgesellschaften und unterliegen der Versicherungsaufsicht. In ihrer klassischen, sicherheitsbetonten Variante geben die Unternehmen also das, was die Arbeitnehmer eingezahlt haben, zurück und bieten dazu eine garantierte Mindestverzinsung. Bei Bayer als einem großen Pensionskassen-Betreiber seien die Leistungen der Pensionskasse voll finanziert, sagt eine Sprecherin. "Es besteht derzeit keine Notwendigkeit, nachzuschießen." Auch bei BASF sind laut einem Sprecher die Verpflichtungen abgedeckt.

Allerdings sei die deutsche Finanzaufsicht starrer als beispielsweise die britische, sagt Mahnert. So müssten die deutschen Pensionskassen ihre festgelegte Mindestverzinsung jedes Jahr erzielen oder stille Reserven auflösen. Dies führe zu kurzfristigen Anlagestrategien, die destabilisierende Auswirkungen auf den Markt haben könnten. In Großbritannien seien die staatlichen Regeln, wie die Lücken in den Pensionsfonds zu schließen sind, großzügiger. So habe ein britischer Pensionsfonds fünf Jahre Zeit, eine Unterdeckung von 10 % wieder auszugleichen. Ein Börsenaufschwung könne so den Arbeitgeber davor bewahren, in den Pensionsfonds Gelder nachschießen zu müssen. Allerdings kommen auch britische Unternehmen stärker unter Druck. Nach der so genannten Regel FRS 17 müssen sie ab 2003 das Portfolio ihrer Pensionsfonds jährlich zu einem bestimmten Stichtag bewerten lassen. Dieser Wert soll auch in den Bilanzen der Muttergesellschaft auftauchen. So könnten die eigenen Pensionsfonds-Töchter in schlechten Börsenzeiten die Bilanz einiger Unternehmen erheblich belasten.

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