Per E-Mail oder SMS
Alarm im Web

Keynote Systems schickt IT-Dienstleistern eine Alarm-E-Mail oder SMS, wenn das Online-Angebot hakt. Jetzt hakt es bei der Firma selbst ein bisschen.

HB DÜSSELDORF/SAN FRANCISCO. Der Patient hat ein ernstes Problem: Atmung flach, der Puls kaum messbar. Die farbigen Kurven auf dem Bildschirm nähern sich unaufhaltsam der Horizontalen.

Doch der Tod, der hier zu drohen scheint, ist virtuell - der Patient, dessen Lebenszeichen über den Bildschirm flackern, ist eine Internet-Seite. Die flache Kurve bedeutet, dass in diesem Moment nur ein paar Surfer auf die Internet-Seite klicken - also keine Gefahr, dass die Seite überlastet ist. Eine andere zeigt die Zeit, die vergeht, bis die bunten Bilder tatsächlich auf dem Monitor der Nutzer erscheinen. Die flache Linie ist in beiden Fällen ein gutes Zeichen.

"Wir arbeiten hier ein bisschen wie in einem medizinischen Labor", sagt Umang Gupta, Chef von Keynote Systems, einem Unternehmen, das Leistungskontrollen und Qualitätsmanagement im Internet anbietet. Und tatsächlich erinnern die Grafiken und Kurven auf dem Bildschirm eher an eine Arztpraxis als an ein Internet-Unternehmen im Silicon Valley.

Wie ein guter Arzt setzt Keynote bei seinen Kunden auf Früherkennung. Wenn es ein Problem mit einer Web- Seite gibt - sei es, dass Bilder nicht geladen werden oder der Besucher eine Fehler-Nachricht bekommt - wird der Anbieter der Seite benachrichtigt. Das geht ganz fix per E-Mail oder SMS aufs Handy des diensthabenden IT-Managers. 1 400 Rechner an 120 zentralen Knotenpunkten der Datenautobahnen rund um den Globus machen es möglich.

Solche Warnungen können den Unternehmen viel Geld sparen: Der Online-Broker Ameritrade etwa wirbt damit, dass er jede Aktienorder innerhalb von acht Sekunden ausführt. Gelingt das nicht, ist die Transaktion für den Kunden gebührenfrei - Ameritrade entgehen Einnahmen. Folge: Je schneller die Warnung kommt, um so niedriger der Verlust.

Doch auch Firmen, die keine Versprechungen machen, leiden, wenn die Web-Seite lahmt. So haben Marktforscher von Zona Research berechnet, dass jeder zweite Kaufversuch im Internet abgebrochen wird, weil etwas nicht funktioniert. Den Firmen entgehe dadurch Umsatz von 25 Mrd. $. Unternehmen wie Dell, Microsoft, Amazon, Ebay, IBM, Hewlett-Packard, Quelle, RTL New Media und Sony ist der Service von Keynote zwischen 50 und 1500 $ pro Monat wert.

"Im Gegensatz zu unseren Konkurrenten messen wir die Leistung der Internet-Seiten von außen", erläutert Olivier Carron de la Carriere, Europa-Chef von Keynote, das Prinzip. Verschiedene Software-Angebote, etwa von Mercury Interactive, BMC Software, Gomez und Exodus, haben ähnliche Funktionen, messen die Leistung aber meist hinter der Firewall des Betreibers der Internet-Seite, was zu Verzerrungen führe.

"Wir haben einen echten Konkurrenten, und den nehmen wir sehr ernst", sagt Gupta. Der heißt Mercury Interactive und setzt gut das zehnfache von Keynote um. Allerdings verkauft Mercury seine Software, statt sie als Dienstleistung zum Abonnement zu bieten. Bei einem Test der Fachzeitschrift "Internet Week" verwies Keynote Anbieter wie Mercury auf die hinteren Plätze.

Die Krise der Internet-Wirtschaft hat aber auch Keynote getroffen. "Wir mussten unser Geschäftsmodell ändern und neue Kunden suchen", erinnert sich Vorstandschef Gupta. Bis dahin hatte sich Keynote vor allem auf die rasant wachsende Online-Branche konzentriert. Inzwischen sind noch 15 % der gut 2 700 Kunden reine Dotcoms.

Glück im Unglück: Keynote selbst war noch 1999 an die Börse gegangen. Der Börsenkurs - am Erstverkaufstag um 10 $ auf 27,25 $ gestiegen, im Februar 2000 auf einen Höchststand von 163,75 $ katapultiert - vegetiert derzeit bei 9,30 $ vor sich hin.

Europa-Chef Carron bekam die Krise kürzlich noch einmal von ganz anderer Seite zu spüren: Der deutsche Vertriebspartner ging Pleite; Carron musste neue Firmen suchen, die die Keynote-Dienste hier offerieren. Anders als in den USA arbeitet Keynote in Europa nur mit Partnern. Grund: Eine verhältnismäßig kleine Firma wie Keynote könne nicht aus dem Stand eigene Vertriebsnetze in mehr als einem Dutzend Ländern aufbauen. In Deutschland arbeitet Keynote jetzt mit dem Stuttgarter Anbieter von Sicherheitssoftware Delos und der Hamburger Beratungsfirma Pecos zusammen.

Doch die neue Zielgruppe - Traditionsfirmen, die das Internet als Vertriebs- und Beschaffungskanal entdecken - will nicht so recht anbeißen. Die Konzerne kämpfen derzeit mit der schwachen Konjunktur und sparen, wo sie können.

Im ersten Quartal des Geschäftsjahres, das am 1. Dezember 2001 endete, musste Keynote einen Pro-forma-Verlust von 2,7 Mill. $ hinnehmen - nach einem Gewinn von 3 Mill. $ im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Umsatz war um mehr als ein Viertel auf 9,6 Mill. $ eingebrochen; für das gerade abgelaufene zweite Quartal erwartet Firmenchef Gupta einen ähnlichen Erlös. Die Zahl der Kunden schrumpfte um 170; mehr als jeder zehnte Mitarbeiter musste im vergangenen Jahr gehen - derzeit sind es weltweit noch 250.

Doch der 52-jährige Inder, der ohne Fernsehen und Telefon aufgewachsen ist, arbeitet fieberhaft an der Ausweitung des Keynote-Angebotes: Hinzugekommen sind Diagnose-Geräte, mit denen der Kunde feststellen kann, wo die Ursachen für ein Problem auf einer Web-Seite liegen, und Leistungsmessung für drahtlose Dienste. "Wenn große Firmen intern die drahtlose Kommunikation noch stärker nutzen, wird das ein richtig interessanter Markt." Den meisten Umsatz macht Keynote allerdings mit der traditionellen Vergleichsmessung, dem Benchmarking. Das Online-Warenhaus Amazon kann damit zum Beispiel feststellen, ob ein Buchkauf beim Konkurrenten Barnes & Noble länger dauert als bei Amazon. "Das Angebot ist in den USA sehr beliebt", sagt Carron. "In Europa kommt dieser Dienst dagegen nicht so gut an."

Für Gupta ist die Evolution des Unternehmens damit aber noch lange nicht abgeschlossen: Aus dem Börsengang und der Kapitalerhöhung im Frühjahr 2000 sei noch genug Geld übrig. "Wir haben etwa 300 Millionen Dollar in bar und brauchen im Monat davon nur sehr wenig", sagt Gupta. Eine solch gefüllte Kasse eignet sich hervorragend für Zukäufe. "Ja, wir planen weitere Akquisitionen", bekräftigt Gupta.

Interessant seien Firmen, die Web-Seiten fast unter realen Bedingungen testen könnten, also so etwas wie einen Windkanal für Internet-Seiten anbieten. Der Bedarf an Qualitätsmanagement im Internet werde jedenfalls noch steigen, wenn sich die so genannten Web-Services durchsetzen, die automatisch Dienste verschiedener Anbieter im Internet verbinden. Dann sollen Computer direkt miteinander kommunizieren, etwa automatisch Nachschub bestellen, wenn etwas ausgeht - das erfordere wesentlich mehr Qualitätskontrolle.

"Wenn etwas schief geht, kann nur ein unabhängiger Dritter bestimmen, wo das Problem liegt", glaubt Gupta. Schließlich könne ja Amazon nicht einfach Software bei Microsoft installieren, um zu kontrollieren, ob deren Identifikationssoftware Passport auch problemlos läuft. Keynote kann.

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