Per Fragenkatalog beugen Kreditinstitute Klagen wegen Beratungshaftung vor
Anlegerschützer kritisieren Beratung zur Risikoneigung

Bevor ein Anleger ein Depot eröffnen kann, muss er bei Banken einen Fragebogen ausfüllen. Damit will die Bank die Kenntnisse und Erfahrungen des Sparers zu Anlagegeschäften erfassen. Doch Anlegerschützer halten die Fragen für zu schwammig, um etwas über die Risikoneigung des Anlegers zu erfahren.

DÜSSELDORF. Die Sache klingt vernünftig: Bevor ein Bankberater einen Anleger vernünftig beraten kann, muss der Berater erst einmal wissen, für welches Ziel der Anleger sparen will und welches Risiko er dabei bereit ist einzugehen. Um das rauszukriegen, verwenden in Deutschland Banken und Sparkassen einen so genannten "Explorationsbogen". Das ist ein Fragebogen, bei dem der Anleger zum Beispiel gefragt wird, welche Geschäfte er mit Wertpapieren bisher wie oft getätigt hat, um zu sehen, wie erfahren der Investor in Anlagegeschäften ist.

Im Bogen wird auch nach dem Anlageziel und der Risikobereitschaft gefragt. In der Regel stehen dort drei Kategorien zur Wahl: Konservativ, Risikobewusst und Spekulativ. Diese Bögen und die unpräzisen Risikoklassifizierungen stehen jetzt in der Kritik.

Banken halten Kritik für unberechtigt

"Die Fragen nach der Risikobereitschaft sind für den Kunden vollkommen intransparent. Der Bogen dient lediglich den Banken als Absicherung dafür, um nicht in Haftung für eine Falschberatung genommen zu werden", bemängelt Dietmar Vogelsang, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständige für Kapitalanlagen und private Finanzplanung.

Die Banken weisen die Kritik zurück: "Die Bögen weisen ausreichend auf die Risiken hin, die den Ertragschancen gegenüberstehen", sagt Georg Baur, Abteilungsdirektor Wertpapiere beim Bundesverband deutscher Banken. Auch beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband heißt es: "Kein Änderungsbedarf" - zumal kein Gericht sich über die Bögen beschwert habe.

Ungenaue Risikoangaben stiften Verwirrung

Der Hintergrund: Nach Paragraf 31 des Wertpapierhandelsgesetzes müssen die Banken von ihren Kunden "Angaben über ihre Erfahrungen oder Kenntnisse" über Wertpapiergeschäfte verlangen - vor Abschluss solcher Geschäfte über die Bank. Als ein Vehikel dazu werden die genannten Erfassungsbögen eingesetzt.

"Dem Kunden nutzen so unkonkrete Risikoangaben wie ?konservativ? nichts. Banken müssen begreifbar machen, welche Größenordnungen an möglichen Wertverlust sich dahinter verbergen", fordert der Sachverständige Vogelsang. In seiner Beratertätigkeit habe er zum Beispiel schon Bankberater, Steuerexperten und auch Verbraucher befragt, welchen möglichen Wertverlust sie mit dem Begriff "konservativ" verbinden. "In allen drei Gruppen ergab sich eine Spannweite von null bis 30 Prozent möglichen Wertverlustes", sagt Vogelsang.

Ferner sind dem Experten die Fragen zu Erfahrungen über Wertpapiere zu ungenau. "Da wird pauschal nach Geschäften mit Aktien gefragt. Doch zwischen einer Gigabell und einer Allianz-Aktie bestehen doch wohl Unterschiede".

Georg Baur vom Bankenverband hält nichts von der Idee, konkrete Verlustzahlen in den Bogen hineinzuschreiben: "Es werden nur falsche Erwartungen geweckt. Was ist zum Beispiel, wenn etwa bei der Risikokategorie ?Risikobewusst? ein möglicher Verlust von bis zu 30 Prozent genannt wird, und das betreffende Papier um mehr als 30 Prozent im Wert sinkt?", fragt der Verbandsexperte. Er weist ferner darauf hin, dass zur Risikoeinschätzung der Kunden nicht nur der Bogen herangezogen wird, sondern auch weitere Gespräche mit dem Kunden stattfinden. Außerdem erhalte der Sparer auch schriftliche Informationen wie die "Basisinformationen für Vermögensanlagen in Wertpapieren".

Doch die Scheu vor der Nennung konkreter Zahlen zu Verlusten kann Vogelsang überhaupt nicht verstehen: "Wenn es zum Beispiel um den Verkauf von Fonds geht, wird doch ständig mit konkreten Rendite-Zahlen geworben. Bei der Risikoeinschätzung soll das auf einmal nicht mehr gehen?", fragt sich der Sachverständige.

Hinzu kommt, dass nicht der Anleger selbst, sondern oft der Berater die Kreuzchen auf dem Erfassungsbogen macht. "Dazu muss er nicht einmal ein Gespräch mit dem Kunden führen, wenn der Kunde der Bank zuvor bereits bekannt ist und die Informationen dazu ausreichen", erklärt Bankenvertreter Baur. Im Gespräch mit den Kunden gingen die Fragen des Bogens vielen schon zu weit. "Viele wollen nicht so viel preisgeben", berichtet Baur.

Angaben im Bogen können Folgen haben

Für den Anleger können aber die missverständlichen Angaben in ihren Bögen handfeste Folgen haben. Denn will ein Anleger seine Bank auf Schadenersatz wegen Falschberatung verklagen, prüft das Gericht zunächst, ob grundsätzlich Beratungsbedarf bestanden hat. "Die Banken versuchen dann in den Prozessen mit den Bögen zu belegen, dass kein Beratungsbedarf existierte", erläutert der Tübinger Anwalt Andreas W. Tilp von der auf Kapitalmarktrecht spezialisierten Kanzlei Tilp & Kälberer. Dank eines geschickten Ankreuzens der Antworten durch den Berater könnten die Banken belegen, dass der Anleger gewusst haben muss, was er tat.

Bislang gibt es noch keine Urteile von Gerichten zu den umstrittenen Bögen, unter anderem auch deshalb, weil das Wertpapierhandelsgesetz erst seit dem 1.1.1995 gilt. "Doch Urteile werden kommen", ist sich der Anwalt sicher. Das hofft auch Sachverständiger Vogelsang: "Die Praxis mit diesen Bögen ist ein Desaster."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%