Permanenter Überlebenskampf
Marke MG soll britischen Automobilbau retten

Nach der für BMW unrühmlichen Trennung von Rover und den großzügigen Abgabemodalitäten für die britische Tochter trat zunächst Erleichterung ein. Die verbliebenen 6 500 Mitarbeiter im Traditionswerk Longbridge, der Seele des britischen Automobilbaus, atmeten auf. Schließlich hatten ihre Arbeitsplätze lange Zeit auf der Kippe gestanden.

LONGBRIDGE. Doch nun ist im Rover-Werk der Alltag zurückgekehrt. Und der ist geprägt vom permanenten Überlebenskampf. Zwar hat das Unternehmen dank BMW keine Schulden, produziert aber arbeitstäglich Verluste in Höhe von 2 Mill. £. Dabei versuchen die Briten, mit Euphorie wieder auf die Beine zu kommen, indem sie die Marke MG reanimieren und werbewirksam vor den Rover-Karren spannen, wie etwa durch die Teilnahme am 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

Auch bei den Serien-Produkten bekommt die Marke MG immer mehr Bedeutung. Dahinter steckt eine ausgeklügelte Strategie. Allein die unter BMW-Regie entwickelten Mittelklassemodelle Rover 75 und Rover 75 Tourer (Kombi) verkaufen sich noch einigermaßen gut. Der R75 gilt als angenehmes, ordentlich verarbeitetes und keineswegs schlecht aussehendes Automobil. Dagegen wird es zunehmend schwerer, die noch aus der Kooperation mit Honda stammenden Kompaktwagen R25 und R45 unters fahrende Volk zu bringen.

Und weil das so ist, werden alle Modelle konsequent sportlich hoch gerüstet und als MG vermarktet. Diese komplette, auch äußerliche Wandlung mit mattem Chrom und tiefer gelegter Karosserie sowie breiten Rädern und sportlichem Interieur lässt den Eindruck entstehen, dass es sich hierbei um neu aufgelegte Autos handelt. Zudem sorgen potente Motoren für dynamische Spurtkraft.

Ein MG ZR160 auf Basis des Rover 25 geht immerhin mit satten 160 PS an den Start - zu günstigen 38 400 DM. Und das gegenwärtige Flaggschiff, der Sportkombi MG ZT-T legt mit seinem 190-PS-V6-Motor für den Anfang 230 km/h auf den Asphalt - zu einem Preis von knapp unter 65 000 DM. Eine fast doppelt so starke Rennsport-Variante (375 PS) mit möglichem Wechsel von Front- auf Heckantrieb ist in der Planung.

Die Absicht ist klar: Sportlich orientierte Kunden, denen es vorrangig um die Fahrleistungen und zügiges Fortkommen auf kurvigem Parcours geht, achten weit weniger auf Mängel im Detail oder den fortschreitenden Alterungsprozess.

Die Strategie, mit viel Modellkosmetik und einer sportlichen Fahrzeugphilosophie unter dem Markenzeichen MG, soll demnächst in eine weitere Entwicklungsstufe hinsichtlich Konstruktion und Fertigung neuer Modelle übergehen. Im italienischen Modena kaufte MG-Rover für vergleichsweise wenig Geld die exotische Sportwagenmarke Qvale, vormals De Tomaso. Die Technik des bislang dort gebauten Renners namens Mangusta (V8-Motor, 380 PS) arbeitet ab 2002 in einem neuen Luxussportwagen mit schnittig gestylter Coupé-Karosse aus der Feder von MG-Rover-Chefdesigner Peter Stevens. Der MG X80 soll für die Marke Imagepunkte sammeln und neue Märkte erschließen. Vorrangig aber hat MG-Rover-Chef Kevin Howe mit dem neuen Spitzenprodukt Nordamerika im Visier.

Diese Art der Modellentwicklung dürfte alsbald bei MG-Rover Schule machen. Während die 75er-Baureihe sozusagen als BMW-Erbmasse noch einige Jahre gute Dienste leisten dürfte und der Kunde solide BMW-Technik zum Rover-Tarif bekommt, sind die Nachfolgemodelle von R25/R45 längst überfällig. Da aber die Milliarden für eine wettbewerbsfähige Neuentwicklung fehlen, lässt MG-Rover zukünftige Modelle im Wesentlichen außer Haus entwickeln.

Nur noch Karosseriedesign und Endmontage sollen bei Rover erledigt werden. Der große Rest kommt entweder in Modulbauweise von großen Zulieferern direkt ans Montageband oder wird - soweit es sich um Motoren oder Getriebe handelt - zugekauft. Was ja, wie im gerade präsentierten Rover 75 Tourer unter Beweis gestellt, kein schlechter Weg sein muss. Die prächtigen Dieselmotoren beispielsweise stammen aus dem BMW-Regal, das Konzept des Wagens geht zwar ebenfalls auf die ehemaligen Herren im Hause Rover zurück. Die Frontantriebstechnik, Achsen und Getriebe sind dagegen Weiterentwicklungen aus der gemeinsamen Honda-Zeit. Der neue Super-Sportwagen MG X80 kommt schließlich nach dem gleichen Strickmuster auf die Räder.

Dennoch scheint in den Reihen von MG-Rover die Geschäftspolitik vor allem geprägt vom Prinzip Hoffnung. Bis schließlich die MG-Versionen anrollen, der deutsche Markteintritt ist für Ende 2001 geplant, trägt der Rover 75 die Hauptlast. Sollte alles nach Plan laufen, sind jährliche Stückzahlen von rund 250 000 Autos aus Longbridge kalkuliert. Ob das zum Überleben reicht, wird sich weisen.

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