Persönliche Haftung gefordert
Chefs geben schlechtes Vorbild ab

Das Nettoeinkommen der Bundesbürger ist in den vergangenen Jahren nur zögernd gestiegen. Die Manager hingegen konnten ihre Gagen jüngst verdoppeln. Jetzt wächst die Kritik.

DÜSSELDORF. Drei Viertel der Deutschen meinen, dass die Vorstände deutscher Aktiengesellschaften zu viel verdienen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage unter 1 000 Bundesbürgern, die das Wall Street Journal Europe beim Marktforschungsinstitut GfK in Auftrag gegeben hat.

Tatsächlich hat jeder zweite Vorstand der führenden deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr seine Bezüge erhöht - trotz sinkender Aktienkurse und hoher Gewinneinbrüche. Nach Angaben der Personalberatung Kienbaum konnte nahezu jeder Vorstand seine Bezüge in den vergangenen vier Jahren sogar verdoppelt, einige gar verzehnfacht. Aktuelles Beispiel: Die Führung der Deutschen Telekom AG genehmigte sich im vergangenen Jahr 90 % mehr als im Jahr zuvor, obwohl sie Milliardenverluste erwirtschaftete.

Die Aktionärsschützer laufen schon lange Sturm gegen diese Entwicklung: "Wir sind schon der Meinung, dass Vorstände angemessen für ihre Leistungen bezahlt werden müssen. Aber wenn sich keine Erfolge einstellen, müssen das die Verantwortlichen auch bei ihren Gehältern zu spüren bekommen", fordert Lars Labryga von der Deutschen Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK).

Vorstandsgehälter an Dividendenzahlungen koppeln

Um die Bezüge stärker an die Leistungen der Vorstände anzulehnen, wurden die variablen Anteile in den vergangenen Jahren immer weiter erhöht. Experten gehen davon aus, dass die leistungsbezogenen Zahlungen ein Viertel bis die Hälfte der Gesamtbezüge ausmachen. Aktionärsschützer kritisieren allerdings, dass es keine Steuerungsmechanismen für die Leistungsbeurteilung gibt. "Es kommt darauf an, die richtigen Kennzahlen zu finden", sagt Labryga von der SdK. "Eigentlich müsste man die Vorstandsgehälter an die Dividendenzahlungen koppeln. Doch das könnte dazu führen, dass die Ausschüttungen höher als angemessen ausfallen, nur um hohe Vorstandsgehälter zu rechtfertigen."

Fachleute sind sich einig, dass die Kontrolle der erreichten Leistungen noch immer zu lasch ist. "Künftig müssen sich die Aufsichtsräte wesentlich intensiver darum kümmern, die Ziele individuell mit den Vorständen zu vereinbaren und die Leistung im Nachhinein auch zu bewerten", sagt Florian Schilling, Partner bei der Personalberatung Heidrick & Struggles. Derzeit fehle das Prinzip der Mitarbeiterbeurteilung bei Vorständen noch völlig. Die Forderungen der Kritiker gehen weiter: Jeder einzelne Vorstand solle auf der Hauptversammlung über seine Arbeit des vergangenen Jahres referieren und seine Pläne und Ziele für das kommende Jahr offen legen. Auf dieser Basis solle der Manager dann bewertet werden.

"Sondereffekte müssen rausgerechnet werden," fordert Hubert Johannsmann, Chef der Düsseldorfer Personalberatung Interconsilium. Sollte die Deutsche Bank ihren Anteil an Daimler-Chrysler verkaufen, dürfe dies nicht in die Bezüge des Vorstands einfließen. Dies käme dem Verkauf des Tafelsilbers gleich, der ja mit dem Erfolg eines einzelnen Vorstands nichts zu tun habe.

Bezüge offen legen

Wohl auch darum sind 60 % der vom WSJE Befragten der Meinung, dass jeder einzelne Vorstand seine Bezüge offen legen sollte. "Die Offenlegung ist international üblich. Deshalb werden auch deutsche Unternehmen ihre Haltung in den nächsten Jahren ändern müssen", sagt Aktionärsvertreter Hocker. Wenn nachvollziehbar werde, wer was warum bekommen hat, werde auch der Argwohn in der Bevölkerung abnehmen.

Derzeit haben auch mittelständische Unternehmer für die hohen Gehälter ihrer Kollegen im Topmanagement von Aktiengesellschaften kein Verständnis - wie die Studie des WSJE gezeigt hat. "Jeder selbstständige Unternehmer kann sein Gehalt nur nach seinen Gewinnen bemessen. Bei den Vorständen scheint das nicht der Fall zu sein", sagt Hans Stein, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Selbstständigen Unternehmer (ASU). "Hinzu kommt, dass Vorstände noch nicht einmal persönlich haften müssen, wenn sie schwer wiegende Fehler gemacht haben."

Allerdings haben sich viele Vorstände nach Informationen des Handelsblatts gegen unternehmerische Fehler zumindest abgesichert. So gibt es inzwischen eine so genannte D&O-Versicherung (Directors and Officers) für Führungskräfte, die rege in Anspruch genommen werden soll. Ein Personalberater berichtet, dass die Prämien in den vergangenen Monaten steil angestiegen sein sollen. Schon bald könnte es so weit sein, dass der Vorstand eines namhaften deutschen Unternehmens die Versicherung in Anspruch nehmen muss.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%