Personal häufig verunsichert: Die Empfindlichkeiten sind gewachsen

Personal häufig verunsichert
Die Empfindlichkeiten sind gewachsen

Mit Moslems zusammenzuarbeiten ist seit dem 11. September heikler geworden. Die Empfindlichkeiten sind gewachsen.

DÜSSELDORF. Irgendwo in Saudi Arabien, zwei Tage nach den Terroranschlägen auf die USA: Ein gemischtes Team aus Deutschen, Jordaniern und Saudis sitzt zusammen, die Stimmung ist gedrückt. Kaum jemand wagt, über die weltpolitische Lage zu sprechen. "Das Thema, das eigentlich alle bewegt, wird ausgeklammert, keiner bezieht Stellung", berichtet Karim-Elmahi Ismail, Geschäftsführer des Düsseldorfer Instituts für Marketing im Nahen Osten (IFNO) über seine Erfahrungen aus der Golf-Region.

Einige Wochen nach den Anschlägen hat Ismail, der seit vielen Jahren Unternehmen bei Marketing und Vertrieb in arabischen und islamischen Ländern berät, beobachtet, "dass sich die Situation zwischen Deutschen und Moslems veränderte: Die Moslems waren immer häufiger gezwungen, sich von etwas zu distanzieren, das sie gar nicht verantwortet haben und selbst ablehnen. Sie wurden häufig regelrecht an den Pranger gestellt, man zeigte mit dem Finger auf sie, sie mussten immer wieder Stellung nehmen. Eine differenzierte Haltung in einer Diskussion wurde kaum zugelassen, zum Beispiel, dass man zwar eine Anti-USA-Haltung einnimmt, aber dennoch den Terror verurteilt. Das hinterlässt bei vielen Muslimen Bitterkeit."

Der Terror seitens der Fundamentalisten, die Angriffe der USA auf Afghanistan - kaum jemanden lässt das kalt, überall ist es ein Thema, erst recht natürlich da, wo Moslems und Deutsche zusammen arbeiten. "Und fast immer wird von den Moslems erwartet, dass sie sich distanzieren, dass sie sich gar dafür entschuldigen", so Esin Ceviker, Rechtsanwältin aus Dortmund, die für das Kölner Institut für Konfliktmanagement und Mediation so genannte Konfliktlotsen in Betrieben ausbildet, die Streitereien schlichten sollen.

Ceviker weiß, welche Schwierigkeiten viele ihrer Landsleute derzeit durchmachen: "Immer wieder ist man gezwungen, ?als Moslem? Position zu beziehen, quasi eine muslimische Haltung zu vertreten. So kann es im Eifer eines Gesprächs manchmal passieren, dass man sich selbst in eine Ecke manövriert, in die man gar nicht will, eben weil man immer wieder diese Position einnehmen muss. Und dann womöglich die Terroristen verteidigt, und sich dabei um Kopf und Kragen redet", so Ceviker

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Und schon sind Probleme da, die vorher keine waren. Denn ansonsten gehe es in Deutschland in gemischten Arbeitsteams recht friedlich zu, so Ceviker: "Klar, die Kopftuchfrau ist immer mal ein Thema oder der Ramadan. Dann wird ein bisschen gestichelt, aber die meisten Türken nehmen das inzwischen recht gelassen. Die meisten Konflikte sind ohnehin nicht interkulturell bedingt, sondern zwischenmenschlich. Manche Leute können halt nicht miteinander. Aber das hat weniger mit der Glaubensfrage oder Nationalität zu tun", glaubt Ceviker.

Erfahrungen mit Deutschen, die nach den Anschlägen des 11. September in muslimischen Ländern arbeiteten, hat Dr. Anette Hammerschmidt, Sprecherin Competence Center Interkulturelle Qualifizierung. Sie bereitet sogenannte "Expatriates" auf einen Auslandseinsatz vor. "Ein deutscher Kollege, der sich zurzeit in Riad aufhält, berichtete mir kürzlich, dass Politik und Religion - als ohnehin empfindliche Themen - jetzt erst recht im Geschäftsleben tabu seien. Darüber spricht man nicht."

Schweigen dort - viele Fragen hierzulande: "Ein Ruck ist in Deutschland durch die Arbeitswelt gegangen", stellt Ismail fest. "Es herrscht eine riesengroße Verunsicherung, wem man noch trauen kann, wohin man noch reisen darf, mit wem man Geschäfte macht. Wir bewegen uns momentan auf dünnem Eis", glaubt der Düsseldorfer. Momentan , so der Managementberater, gebe es eine Flut von Anfragen nach Beratung; der Bedarf bei Unternehmen, Stiftungen und Institutionen sei kaum zu decken.

Diese Erfahrungen macht auch Andreas Bittner, Geschäftsführer des Instituts für Interkulturelles Management (IFIM) in Rheinbreitbach bei Bonn: "Normalerweise berate ich Firmen, die Mitarbeiter ins Ausland senden wollen und bringe ihnen die ?Do?s und Don?ts? der dortigen Geschäftsgepflogenheiten bei. Jetzt sind vor allem Sicherheitsaspekte in den Vordergrund gerückt."

Nun scheint es eher zweitrangig geworden zu sein, ob man viel oder wenig Smalltalk macht, sich über die Unpünktlichkeit eines Geschäftspartners aufregen darf oder mit der linken oder rechten Hand die Visitenkarte greift. "Wichtiger ist geworden, ob man überhaupt unbesorgt in den Nahen Osten reisen darf", bestätigt auch Beatrice Hecht-El Minshawi, Trainerin für Interkulturelles Management aus Bremen, die selbst einige Jahre in Afghanistan verbracht hat. Eigentlich ist es ihr Job, Führungskräfte von Unternehmen auf einen Auslandsaufenthalt in islamischen Ländern vorzubereiten. Nun wurden viele dieser Seminare storniert: "Stattdessen fragen große Unternehmen nach Aufklärung und der Beruhigung von Mitarbeitern."

Beispiele sind Fluggesellschaften, deren Personal verunsichert ist und Angst vor muslimischen Fluggästen hat, oder deutsche Firmen, die sich plötzlich die bange Frage stellen, ob sie genug für ihre türkische Belegschaft tun. Dann gibt es Unternehmen, die Geschäfte mit Ägypten oder Jordanien machen und nicht wissen, wie sie mit den Besuchern aus dem Nahen Osten umgehen sollen.

Die Ford-Werke in Köln haben seit kurzem die Stelle einer Diversity Managerin besetzt, die sich darum kümmert, dass auf die Belange der unterschiedlichen Kulturen, Persönlichkeiten und menschlichen Eigenschaften im Betrieb eingegangen wird. "Meine Aufgabe ist es, das Wissen um die Vielfältigkeit der Menschen in der Firma zu verbreiten und dafür zu sorgen, dass es wertgeschätzt wird", so die Diversity Managerin Wilma Borghoff.

Das bedeutet konkret: In Teams beispielsweise dafür Sorge zu tragen, dass möglichst unterschiedliche Charaktere vertreten sind, damit eine optimale Aufgabenverteilung stattfindet - und das Team kreativer wird. Oder dafür zu sorgen, dass in der Kantine ein Essen ohne Schweinefleisch angeboten wird. Oder dass ein Raum zur Verfügung steht, in dem die gläubigen Moslems in den Pausen beten können, oder dass es türkische Betriebsräte gibt. "Das Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit der Kulturen - und die Toleranz, alle so sein zu lassen wie sie sind - das gab es hier vorher schon - nicht erst seit dem 11. September."

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