Personalabbau mit Samthandschuhen - US-Firmen setzen auch in schlechten Zeiten auf "Loyalität"
Siemens liegt mit bezahlter Auszeit im Trend

Sabbat statt Rausschmiss - mit einer bezahlten Auszeit für Beschäftigte versucht nun auch Siemens, die Krise im Kommunikationsgeschäft ohne Entlassungen zu überbrücken. Der Münchner Elektronikkonzern folgt damit einem neuen Trend. In den USA versucht eine Reihe von Unternehmen bereits seit längerem, die Senkung von Personalkosten auf "sanfteren" Wegen zu erreichen als durch den einfachen Rausschmiss.

afp WASHINGTON. So legte die Consulting-Firma Accenture im Juni ein Sabbatprogramm auf, das große Resonanz unter den Beschäftigten findet. Der Netzwerkkonzern Cisco Systems bietet entlassenen Mitarbeitern immerhin ein Drittel ihres früheren Gehalts, wenn sie für wohltätige Zwecke arbeiten.

Über die simple Devise des "hire and fire" (anheuern und feuern) sind viele US-Unternehmen längst hinaus. "Loyalty" heißt das Schlagwort für eine seit Jahren an Popularität gewinnende Firmenpolitik, die darauf abzielt, Arbeitnehmer dauerhaft an ihren Arbeitgeber zu binden und so ihre Motivation und Leistung zu steigern. Der Bestseller-Autor Fred Reichheld, Guru der neuen Unternehmensphilosophie, sagt: "Wenn Beschäftigte nicht daran glauben, dass ihr Unternehmen für die faire Behandlung von Menschen steht, werden sie niemals auf der Welt die Kunden davon überzeugen, dass sie wiederkommen sollen."

In Krisenzeiten wird es allerdings schwerer, solche Theorien in die Praxis umzusetzen. Programme wie bei Accenture sollen gleichwohl auch in schweren Zeiten das "Loyalty"-Prinzip aufrechterhalten. Das Consulting-Unternehmen mit weltweit mehr als 75 000 Beschäftigten startete im Juni sein Flex-Leave-Programm, das es Beschäfigten ermöglicht, bei 20 % ihres bisherigen Gehalts eine Auszeit von sechs bis zwölf Monaten zu nehmen. Rund tausend Beschäftigte nutzen inzwischen das Angebot. Accenture hat das Programm inzwischen auch auf andere Länder ausgedehnt. In Deutschland sollen 250 Berater in den Sabbat geschickt werden.

Die Mitarbeiter nutzen die Auszeit, um Kinder aufzuziehen, eine Ausbildung nachzuholen, auf Reisen zu gehen oder gemeinnützige Arbeit zu leisten. "Es ist eine wunderbare Chance", schwärmt Julie Jones, die den Sabbat für einen einjährigen Sozialdienst beim AmeriCorps nutzt. In Los Angeles hilft sie, Hilforganisationen mit Computertechnik auszustatten, die von Firmen gespendet wurde. Während des Sabbats dürfen die Accenture-Leute aber nicht nur ihren Hobbys oder einem sozialen Engagement nachgehen - sie dürfen sogar eine andere reguläre Arbeit annehmen, ohne den Anspruch auf die 20 % des früheren Gehalts zu verlieren; allein bei einem Konkurrenten einzusteigen, ist untersagt. Siemens ist da strikter: Arbeiten während der Auszeit ist verboten - selbst als Selbstständiger.

Auch Cisco Systems hält Wildwest-Methoden beim Personalabbau für nicht mehr zeitgemäß. Das kalifornische Internet-Unternehmen entließ im April zwar 8 500 Mitarbeiter. Doch sie erhalten ein Drittel ihres früheren Gehalts, wenn sie ihr Internet-Know-how ein Jahr lang bei Wohlfahrtsorganisationen einbringen. Rund 80 Mitarbeiter haben dieses Angebot genutzt, wie Firmensprecher Chris Peacock berichtet. Unternehmenschef John Chambers hat als Zeichen der Solidarität sein eigenes Gehalt auf einen Dollar monatlich gekürzt. Buchautor Reichheld nennt Cisco als Paradebeispiel für die neue Unternehmenskultur. Auch bei Entlassungen, die immer das letzte Mittel sein müssten, gebe es Methoden zur Pflege der Loyalität.

Hinter dem "sanften" Vorgehen beim Personalabbau steckt die Einsicht der Arbeitgeber, dass es wirtschaftlicher ist, bewährte und für die spezifischen Bedürfnisse des Unternehmens ausgebildete Mitarbeiter möglichst lange bei der Stange zu halten, als gegebenfalls neue Leute zu rekrutieren. "Wir investieren viel Geld in die Ausbildung unseres Personals, und deshalb wollen wir sie uns erhalten", so Accenture-Sprecherin Taylor. Ähnlich begründet Siemens sein Sabbatprogramm: "Unser Ansatz ist, dass wir trotz der schwierigen Zeiten gute Leute nicht verlieren wollen."

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