Personalvorstand Klinkhammer bescheinigt der Postgewerkschaft eine „enorme Lernkurve“
Tarif-Revolution bei der Deutschen Telekom

Knapp fünf Jahre nach dem Börsengang verabschiedet sich das einstige Staatsunternehmen Deutsche Telekom vom öffentlichen Dienst: 68 000 Arbeitnehmer werden ab Juli nach einem neuen, leistungsorientierten Tarifsystem bezahlt. Die Gewerkschafter sahen sich durch technischen Fortschritt zur Reform gezwungen.

DÜSSELDORF. Bei der Deutschen Bahn AG begann der tarifpolitische Neuanfang einst mit einer peinlichen Panne: Die mit der Bahnreform 1994 eingeführte neue Bezahlungsstruktur für 210 000 Arbeiter und Angestellte überforderte die Computer. Tausende Mitarbeiter bekamen falsche Gehaltsabrechungen und zu wenig Geld. Erst nach Monaten war das Problem behoben.

Bei der Deutschen Telekom AG, da ist sich Dietmar Welslau sicher, wird es so ein Problem nicht geben. "Wir sind vorbereitet", sagt der Leiter Konditionenbereich des Konzerns. Harald Fischer, Betriebsrats- Vize der Kundenniederlassung Regensburg, erwartet zumindest, "dass es pünktlich zu Auszahlungen kommt - auch wenn in den ersten Monaten vermutlich noch einige Nachberechnungen nötig werden".

Sicher ist: Am 1. Juli nimmt die Deutsche Telekom als nächstes großes Unternehmen mit staatlicher Vorgeschichte endgültig Abschied von den alten Tarifstrukturen aus dem öffentlichen Dienst. An Stelle beamtenähnlicher Vergütungsregeln tritt dann NBBS - das "Neue Bewertungs- und Bezahlungssystem".

"Das Ereignis hat historische Bedeutung", preist Personalvorstand Heinz Klinkhammer das Vorhaben. Seit März werden die Verantwortlichen der Personalabteilungen geschult und ebenso wie ihre Computer auf das Großereignis eingestellt. Großereignis? Klinkhammer beziffert den Gesamtaufwand der Tarifumstellung auf 200 Mill. DM. Doch alles ist relativ: 200 Mill. DM, sagt er, seien gerade 1 % der jährlichen Lohnsumme "und für NBBS unbedingt eine lohnende Investition."

Variabler Zuschlag sorgt für Differenzierung

68 000 Beschäftigte des früheren Staatsunternehmens bekommen in diesen Tagen mitgeteilt, nach welcher neuen Gehaltsgruppe sie am 16. Juli erstmals bezahlt werden. Statt Lebensalter und Familienstand - wie bisher in der Tradition des öffentlichen Dienstes üblich - wird die konkrete Tätigkeit zum Hauptkriterium für die Bezahlung. "Eine 47-jährige Frau mit zwei Kindern verdiente bei der Telefonauskunft bisher etwa doppelt so viel wie ihre 23-jährige Kollegin einen Platz weiter", erläutert Klinkhammer. Unabhängig davon, wer von beiden nun zu viel oder zu wenig verdient habe: "Das zeigt den Handlungsbedarf."

Für Differenzierung soll nun ein variabler Entgeltzuschlag sorgen, der sich teils nach individueller Leistung, teils nach dem Unternehmensergebnis bemisst. Anfangs 6, später 10 % der gesamten Bruttolohnsumme, werden auf dieser Basis unter den Beschäftigten verteilt.

Dass ein Tarifrecht für Staatsbedienstete nicht den Anforderungen eines global operierenden Telekommunikationskonzerns entspricht, liegt auf der Hand. Ein so grundlegender Schritt hin zu einer "businessbezogenen Tarifpolitik" (Klinkhammer) war indes nicht selbstverständlich in einem Unternehmen, in dem die lange als nicht eben reformfreudig geltende Deutsche Postgewerkschaft (DPG) rund drei Viertel der Arbeitnehmer organisiert.

Klinkhammer bescheinigt der Gewerkschaft nach Abschluss des gut sechsjährigen Ringens um die neue Tarifstruktur "eine enorme Lernkurve" - auch wenn er den Anteil des Leistungsentgelts statt auf 10 lieber auf 30 % hochgeschraubt hätte.

Technischer Fortschritt erhöhte den Reformdruck

Jürgen Spiegelberg, Leiter der DPG - Tarifabteilung Telekommunikation, entkräftet den Befund nicht. "Letztlich entscheidet der Markt", erklärt er, wie sich seit dem Ende der Monopolzeiten die Lage für die Gewerkschaft geändert hat. "Entweder man akzeptiert oder man kommt unter die Räder." Das hängt nicht nur mit der Konkurrenz zusammen, für die überwiegend gar keine Tarifverträge gelten. Festnetzwettbewerber Arcor bezahlt auf Basis eines flexibilisierten Tarifvertrags nach dem Muster der Bahn.

Bei der Telekom hatte zudem technischer Fortschritt den Reformdruck erhöht: Immer mehr Personal drohte aus dem Geltungsbereich des alten Tarifwerks herauszufallen. Das kannte Gehaltsgruppen für Kabelverbinder und Sprechstelleneinrichter, nicht aber für den längst zum Standardberuf gewordenen Telekommunikationsanlagen-Elektroniker. Mit jedem Tag hätte der Arbeitgeber daher leichter behaupten können, es gebe keinen gültigen Tarifvertrag mehr, erklärt Spiegelberg. "Die Frage war also: Entweder wir können den Wandel mitgestalten. Oder wir sind irgendwann draußen."

Dennoch musste die nun zu Verdi fusionierte DPG nicht alle Grundsätze über Bord werfen. Ungeachtet der neuen Flexibilität gibt sie die Kontrolle über die Bezahlung nicht aus der Hand: Alle Verfahrensregeln, inklusive der Kriterien für die Leistungsbewertung der Mitarbeiter, sind im Tarifvertrag festgeschrieben und nicht etwa an die Betriebsparteien delegiert. "Mit gutem Grund", lobt Betriebsrat Fischer, was der Gewerkschafter eine "beachtliche Stärkung der Tarifautonomie" nennt. Denn, so Fischer: Nur unternehmensweit per Tarifvertrag fixierte Regeln "verhindern, dass der Arbeitgeber Betriebsräte mit ihrer jeweils lokal begrenzten Zuständigkeit gegeneinander ausspielen kann."

Daran ist Personalvorstand Klinkhammer nach eigenem Bekunden aber ohnehin nicht gelegen. "Wer eine Reform wie die nun eingeleitete umsetzten will, darf das Vertrauen des Gegenübers nicht gefährden."

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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