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Peter Brook inszeniert «Tierno Bokar» in DuisburgDPA-Datum: 2004-07-09 08:37:54

Duisburg (dpa) - Es ist ein schwarzer Nathan, ein Sokrates im Sahel, den der britische Theater-Regisseur Peter Brook in seiner jüngsten Inszenierung «Tierno Bokar» vorstellt. Vorlage des Stücks, das bei der RuhrTriennale in Duisburg seine Uraufführung erlebt hat, ist ein Buch, mit dem Malis wohl bedeutendster Schriftsteller Amadou Hampaté Ba (1901-1991) seinem spirituellen Lehrer Tierno Bokar ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Duisburg (dpa) - Es ist ein schwarzer Nathan, ein Sokrates im Sahel, den der britische Theater-Regisseur Peter Brook in seiner jüngsten Inszenierung «Tierno Bokar» vorstellt. Vorlage des Stücks, das bei der RuhrTriennale in Duisburg seine Uraufführung erlebt hat, ist ein Buch, mit dem Malis wohl bedeutendster Schriftsteller Amadou Hampaté Ba (1901-1991) seinem spirituellen Lehrer Tierno Bokar ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

«Es gibt drei Wahrheiten: deine Wahrheit, meine Wahrheit und die Wahrheit» ist ein Kernsatz des weisen, asketischen Philosophen Bokar, dessen Leben und Lehre als Szenenfolge über die karge Bühne einer ehemaligen Industriehalle geht. Unter dem Druck kolonialer «Modernisierung» und menschlicher Unzulänglichkeiten, so schildert Hampaté Ba, zerbricht diese Welt traditioneller Maßstäbe und gebiert Unrecht.

Nicht zuletzt war es Brook als Altmeister der europäischen Bühnen- Avantgarde selbst, der mit seiner Theorie des «leeren Raums» und frühen Shakespeare-Inszenierungen seit Jahrzehnten Afrikas Theater mit geprägt hat. Hier wird die Verfremdung Bert Brechts und Brooks meist höher geschätzt als der Bühnenrealismus ehemaliger Kolonialländer, widerspricht europäisches Regietheater doch oft Tradition und Möglichkeiten des Kontinents. So ist es nicht das Spiel, sondern ein Erzähler, der auch in «Tierno Bokar» die Handlung ohne eigentliche Höhepunkte voran bringt, für eine verfremdende epische Ebene sorgt und an die Griots Westafrikas als die traditionellen Schilderer von Geschichte erinnert.

Die gebräuchliche Baumleiter als Symbol für Haus, einige Tücher, aufgerollte Matten als Moschee-Säulen geben den Ort an: Eine Kleinstadt der Niger-Region, deren Traditionen langsam der Erosion durch die Kolonialmacht Frankreich erliegen. Die Lehren des Dorflebens zerfrisst der dumpfe Drill «französischen» Unterrichts; der in Westafrika sonst traditionell tolerante Islam entzweit die Menschen, da die Kolonial-Politik winzige religiöse Unterschiede als Vorwand für Zwietracht sucht und genügend Mitläufer findet. Bokar, der «ein Leben klar wie Kristall, rein wie ein Gebet» führte, sucht um der Wahrheit willen das Gespräch mit den angeblichen Häretikern, wird deshalb von seiner aristokratischen Sippe als Verräter ausgegrenzt und stirbt 1940 vereinsamt.

Doch die über zwei Stunden behäbig wie der Niger-Fluss strömende, kaum vorhandene Handlung, die auch von den zehn Akteuren eher episch erzählt als wirklich gespielt wird, lässt das Duisburger Premierenpublikum deutlich kühl. Die Bedeutsamkeit mystisch- islamischer Traditionen und afrikanischer Lebens-Sitten - Chiffre für die Wurzeln jedes Menschen schlechthin - blieben fremd. Deshalb nur freundlicher Beifall für einen Theaterabend, dessen hoch aktuelle Botschaft von religiöser Toleranz und der Notwendigkeit des Verstandes-Gebrauchs, gleichsam Lessings Fußspuren im Wüstensand, folgenlos verwehen dürfte. «Tierno Bokar» soll nach der Uraufführung in Duisburgs Gebläsehalle - auf Französisch mit deutschen Übertiteln - noch in Barcelona, Lille und Paris gespielt werden.

Weitere Vorstellungen: 7. bis 11. Juli, 13. bis 15. Juli.

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