Pfeffer, Zimt und Ingwer als Dividende
Die Aktie wird 400 Jahre alt

Als am 20. März 1602 in Amsterdam mit der Verenigden Ostindischen Compagnie (VOC) die bis dato mächtigste Handelsgesellschaft der Welt gegründet wurde, erblickte auch die Aktie in ihrer heutigen Form das Licht der Welt.

dpa FRANKFURT. Aus der Finanzwelt ist sie seitdem nicht mehr wegzudenken: Als einfaches Mittel für Unternehmen, um an Kapital zu gelangen und Erfolg versprechendes Anlage- und Spekulationsobjekt für Investoren wechselt sie heute täglich in aller Welt millionenfach den Besitzer. An diesem Mittwoch (20. März) wird die Aktie 400 Jahre alt.

Die VOC-Aktien waren so genannte Namenspapiere, über deren Besitz ein Register geführt wurde. Diese Aktien waren nach den Erkenntnissen von Wirtschaftshistorikern das erste «dividendentragende Papier», das regelmäßig an der Börse in Amsterdam gehandelt wurde. In den ersten Jahren konnten die VOC-Aktionäre jedoch nicht auf üppige Zahlungen in Heller und Pfennig hoffen: Stattdessen mussten sie bis 1645 mit exotischen Gewürzen wie Ingwer, Zimt oder Pfeffer vorlieb nehmen. In Zeiten, in denen seltene Gewürze oft in Gold aufgewogen wurden, brachte diese Form der Erfolgsbeteiligung vielen ein ansehnliches Vermögen. Die Auszahlung in Naturalien brachten den frühen VOC- Aktionären schnell den Spitznamen ein: «Die Pfeffersäcke von Amsterdam».

Siegeszug der Aktie

Dass die Psychologie bei Aktienkauf und Börsenhandel eine herausragende Rolle spielt, zeigte sich schon 1604, als die ersten Schiffe der VOC dann endlich in See stachen. Allein die Hoffnung auf satte Gewinne aus dem Überseehandel hatte den Kurs der Aktie innerhalb von zwei Jahren um fast 40 Prozent in die Höhe schnellen lassen. Wer zu den 2153 VOC-Aktionären der ersten Stunde gehörte, konnte sich auch in den kommenden Jahren zumeist über hohe Renditen von bis zu 75 Prozent pro Jahr freuen. Generationen später, 1720, wurde das Papier wurde in Amsterdam um 1 260 Prozent über seinem Ausgabepreis gehandelt.

In den folgenden Jahrhunderten war der Siegeszug der Aktie nicht mehr aufzuhalten: Mit Beginn der Industrialisierung versuchten viele Unternehmen vor allem der Bergbau- und Eisenbahnindustrie ihren immensen Kapitalbedarf über die Börse zu decken und lockten mit hohen Dividenden. Im bis heute weltweit führenden Leitindex an der New Yorker Börse, dem Dow Jones, waren damals 20 Eisenbahngesellschaften notiert.

Gigantische Wertvernichtung

Und auch in Deutschland wuchs die Zahl der Aktionäre während des Gründerbooms nach der Reichsgründung 1870/71 rasant. Alleine in Preußen wurden zwischen 1870 und 1873 nicht weniger als 857 Aktiengesellschaften gegründet. Doch nach dem Boom folgte die Gründerkrise: Bis 1874 halbierte sich das Gesamtvermögen der deutschen Aktionäre nahezu und sank von rund 4,5 Mrd. DM (1872) auf etwa 2,4 Mrd. DM. In den meisten Fällen trugen Spekulanten und unvorsichtige Unternehmer die Schuld an dieser gigantischen Wertvernichtung.

Wirksameren Schutz für die Anleger brachte das 1897 erlassene Börsengesetz, das erstmals für alle deutschen Börsen - damals gab es mit 28 regionalen Handelsplätzen deutlich mehr als heute - galt. Das neue Gesetz brachte unter anderem die Staatsaufsicht, schloss aber gleichzeitig «Personen weiblichen Geschlechts» vom Börsenbesuch und vom Handel mit Aktien aus. Bis Frauen ihr Geld an der Börse verdienen und vermehren konnten, sollten noch mehr als 20 Jahre vergehen.

Boom dank Börsengang der Telekom

Waren 1919 bei den Handelsgerichten noch 5 345 Aktiengesellschaften gemeldet, schnellte ihre Zahl bis 1923, dem Jahr der galoppierenden Inflation und der rasantesten Geldvernichtung in der deutschen Geschichte bis auf 16 472 in die Höhe. Der Zweite Weltkrieg und die anschließende Währungsreform 1948 vernichteten weiteres Vermögen, dennoch konnten viele traditionsreiche deutsche Aktiengesellschaften schon wenige Jahre später ihren Anteilseignern wieder eine Dividende zahlen. Den Anfang machte 1954 Siemens.

Anfang 2002 gibt es in Deutschland nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts rund 3 600 Aktiengesellschaften, die wenigsten davon - unter 1000 - sind jedoch an einer Börse notiert und bieten damit für jedermann eine Möglichkeiten sein Geld in interessante Unternehmen zu investieren. Allerdings hat es in Deutschland fast 400 Jahre von der ersten Börsennotiz der VOC-Aktie 1602 bis zum Börsengang der Telekom 1996 gedauert, bis Aktien ihren Siegeszug auch bei einem breiten Publikum antreten konnten.

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