Pflanzliche Substanzen ersetzen Gelatine in der Arzneimittelproduktion
Kapsel aus Zellulose schließt Wirkstoffe ein

Zellulose könnte Gelatine bei der Herstellung von Kapseln für Medikamente ersetzen. Das wird nicht nur Vegetarier erfreuen, sondern auch Pharmahersteller, denn Zellulose-Filme lassen sich einfacher verarbeiten.

LONDON. Wer beim Naschen auf Gelatine verzichten will, hat schon lange die Wahl. Haribo etwa bietet viele Produkte inzwischen auch ohne das Verdickungsmittel aus tierischem Knochenmehl an. Das Algenextrakt Agar-Agar garantiert hier die feste Konsistenz. Was in der Süßwarenbranche längst eine Selbstverständlichkeit ist, sorgte bislang unter Pharmaherstellern für Kopfzerbrechen. Seit über 65 Jahren ist Gelatine bei der Herstellung von Kapseln für Medikamente der einzige Rohstoff - eine kostengünstige Alternative gab es nicht. Nun hat das britische Unternehmen Bioprogress Plc eine Technik entwickelt, mit der die Umhüllung aus Zellulose hergestellt werden kann.

Die Kapseln kommen immer dann zum Einsatz, wenn sich ein Wirkstoff nicht zu einer festen Tablette pressen lässt. Im Magen der Patienten löst sich diese Umhüllung dann auf, und der Wirkstoff wird freigesetzt. Das Unternehmen aus March im britischen Cambridgeshire will die Gelatine-Kapsel jetzt durch eine Umhüllung aus einem Zellulose-Film ersetzen. Noch testen Pharmahersteller, darunter Bristol Myers Squibb, die neuartige Verpackung mit dem Namen XGel. Graham Hind, Chef von Bioprogress, ist jedoch zuversichtlich, dass sein Produkt bald in die Massenproduktion geht. "Die ersten Verträge sind schon unterschrieben", sagt er.

Die Hersteller könnten das neue Verfahren als Verkaufsargument nutzen, hofft Hind. Immerhin gibt es mehrere Verbrauchergruppen, die den Verzehr von Gelatine grundsätzlich ablehnen, zum Beispiel Vegetarier oder Anhänger verschiedener Religionen. Zudem ist das Verdickungsmittel aus tierischem Knochenmehl seit der BSE-Krise als Nahrungsbestandteil in weiten Teilen der Bevölkerung in Verruf geraten. Viele Pharmafirmen würden Gelatine deshalb lieber heute als morgen von der Liste ihrer Inhaltsstoffe streichen, doch alternative Techniken waren bisher zu teuer.

Das XGel-Verfahren dagegen sei sogar billiger, sagt Bioprogress-Chef Hind. "Bei der Umhüllung sowohl von flüssigen als auch festen Wirkstoffen ist unsere Technik außerdem schneller als das herkömmliche Verfahren." Einige Pharmahersteller schmieden laut Hind daher schon Pläne, bei der Herstellung von Kapseln innerhalb von fünf Jahren ganz auf Gelatine zu verzichten und voll auf die Verwendung von Zellulose umzustellen.

Potenzial für Rationalisierung gibt es bei der herkömmlichen Produktionsweise genug, denn das Gelatine-Verfahren ist zeitaufwendig. Denn nachdem das Verdickungsmittel mit Glycerin vermischt und auf Tabletts mit kleinen Ausbuchtungen in Form einer Kapselhälfte gepresst wurde, muss das Material zunächst bis zu drei Tage aushärten. Dabei muss die Form die ganze Zeit gekühlt werden. Erst dann kann der pulverförmige oder flüssige Wirkstoff in die Kapseln gefüllt werden und eine Maschine die zwei Hälften zu einer Pille verschweißen.

Mit dem neuen Bioprogress-Verfahren geht die Herstellung der Medikamente schneller. Das Verfahren variiert, je nachdem ob ein Pulver oder eine Flüssigkeit in die Pille eingefüllt werden soll. Ist der Wirkstoff ein Pulver, presst die Maschine es zusammen und wickelt es gleichzeitig in den Zellulose-Film. Anders bei einer Flüssigkeit: Hier werden aus dem Zellulosefilm zwei Kapselhälften ausgestanzt, der Wirkstoff hineingespritzt und die Hälften zusammengefügt. "Der Gewinn an Produktivität ist für unsere Kunden mindestens genau so wichtig wie der Verzicht auf Gelatine", sagt Bioprogress-Chef Hind.

Trotz der Faszination für die neue Technik sind Marktbeobachter skeptisch, ob sich das XGel-Verfahren schnell am Markt durchsetzt. "Weil einer der Inhaltsstoffe verändert wird, müssten die Hersteller bei schon auf dem Markt befindlichen Medikamenten ein neues Genehmigungsverfahren in Kauf nehmen", gibt Chris Redhead, Pharma-Analyst bei WestLB Panmure in London, zu Bedenken. Daher sei eher damit zu rechnen, dass das Verfahren erst bei neuen Medikamenten genutzt wird.

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