Pflicht zur Ausgabe staatlicher Anteile bei Börsengängen und Neuemissionen soll fallen
Neue Hoffnung für Chinas Börsianer

Die Talfahrt an Chinas Börsen veranlasste die Regierung in Peking, auf einen Zwangsbeitrag zur Sanierung maroder Staatsfirmen künftig zu verzichten. Börsianer hoffen nun auf einen Aufschwung.

mg PEKING. Rund 60 Millionen Börsianer in China führten am Montag Freudentänze auf, als hätte nicht Nachbar Südkorea, sondern das eigene Nationalteam das Halbfinale bei der Fußball-Weltmeisterschaft erreicht.

Der Grund des Jubels: Die chinesische Regierung hatte am Wochenende angekündigt, eine umstrittene Regelung zu streichen, die seit 2001 Börsengänge erschwert. Denn sie schreibt allen Börsenaspiranten und auch bereits an der Börse gelisteten Publikumsgesellschaften vor, bei der Ausgabe neuer Aktien im Umfang von 10 % des Ausgabevolumens staatliche Anteile mit auszugeben, um damit die wachsenden Löcher in der sozialen Sicherung zu stopfen. Am so genannten B-Markt, wo Ausländer in harter Währung mitbieten können, erreichten gestern Dutzende von Aktien nach kräftigen Kurssprüngen das 10 %-Limit. Am Markt für A-Aktien schossen die Indizes bis Mittag bereits um 8 % in die Höhe.

Allein um die explodierenden Pensionszahlungen zu finanzieren, muss Peking bis 2005 rund 15 Mrd. Dollar, bis 2010 sogar 110 Mrd. auftreiben. Weil die Börsianer des Landes durch die Pflicht, staatliche Anteile auszugeben, eine riesige Welle zusätzlicher Aktien auf sich zukommen sahen, ging die seit Jahren währende Börsenparty im Juni 2001 abrupt zu Ende. Allein in den auf die Ankündigung folgenden Monaten bis Oktober wurden 200 Mrd. US-Dollar an Wert durch Kursverluste zerstört. Und auch als die Regierung Ende 2001 das Programm zeitweise aussetzte, gaben die Kurse weiter massiv nach - um insgesamt 30 %. seitdem die Pflicht zur Ausgabe staatlicher Aktien bei einem Ausgabevolumen von 10 % zum ersten Mal bekannt gegeben worden war.

"Säuberungskampagne für die Börsen"

Die Stimmung ist ohnehin schlecht an den Börsen in China, weil immer öfter jahrelang verlustreiche Gesellschaften - die man zuvor der guten Stimmung wegen geschont hatte - vom Kurszettel gebannt werden. "Die Säuberungskampagne der Regierung für die Börsen hat die exzessive Spekulation ausgetrieben", sagt Shao Rui vom Brokerhaus Shanghai Securities. Und in der Konsequenz verdarb der Stimmungsumschwung durch den Talfahrt an der Börse den Chinesen auch die Konsumlaune.

Diesen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Börsen-Baisse und konjunkturellen Indikatoren vermuten jedenfalls lokale Zeitungen im Reich der Mitte, weil schon jeder zehnte Chinese in den Ballungszentren Aktien besitzt. Nach 10,1% Wachstum im vergangenen Jahr, legt der private Konsum seit Januar nur noch um etwas mehr als 8% zu, was die Zielvorgabe von 7% beim Bruttoinlandprodukt (BIP) schwieriger gestaltet als erwartet. Und das ist schlecht im ersten Jahr, in dem China der Welthandelsorganisation WTO angehört, und in dem es den ersten Schritt im umfassendsten Führungswechsel seit 50 Jahren vollzieht.

Kein Wunder also, dass gestern ganz Börsen-China sichtlich erleichtert war. "Der Verkaufsstopp für staatliche Aktien hat eine zentrale Befürchtung der Börsianer der letzten 12 Monate beseitigt und sie ermutigt, jetzt längerfristige Positionen aufzubauen", sagt Analyst Lu Xinwen von Gongtong Securities. China musste zuletzt auch befürchten, mit schwindender Marktkapitalisierung von derzeit noch 500 Mrd. Dollar in Asien hinter Hongkong auf die Position drei zurück zu fallen. Nummer eins bleibt unangefochten Japan.

Für die Reform von Chinas maroder Staatswirtschaft bedeutet der jüngste Schritt allerdings keine gute Nachricht. Jetzt wird es noch schwieriger werden, die Modernisierung verlustreicher Staatsfirmen zu finanzieren. Das Gute daran ist: Weil die Banken im Reich der Mitte auf Bergen fauler Kredite sitzen und auch nicht viel Geld ausleihen, muss Peking zunehmend ausländische Investoren ins Spiel bringen. Beteiligungs-Chancen, die besser sind als in der WTO vereinbart, winken dabei immer öfter.

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